Wildes Holz: Astrein

Astrein CD-Cover m

HolzRecords

Na, der Bandname hört sich ja wie für eine Band aus den Bereichen Hard Rock oder Metal und Krautrock gemacht an, oder? Schaut man auf das Cover, dann wird man in dieser Annahme bestärkt. Das Trio bestehend aus Tobias Reisige, Anto Karaula und Markus Conrads trägt Lederkluft und dunkle gespiegelte Sonnenbrillen. Was für ein Auftritt!

15 Titel hat das Trio um den Flötisten Tobias Reisige eingespielt, angefangen vom „Moretti Swing“, einer gemeinsamen Komposition von Anto Karaula und Markus Conrads, über „Mozart 40“ (Johann Sebastian Bach und andere Meister) sowie „Snow“ von Red Hot Chili Peppers bis hin zu „Speed King“ (Deep Purple), „Bo Diddley“ (Bo Diddley), „Rondo alla turca“ (Wolfgang Amadeus Mozart) und „Das Model“ (Karl Bartos, Ralf Hütter). Fürwahr ist das ein bunter Kanon an Musik verschiedener Epochen, noch angereichert um Kompositionen von Tobias Reisige wie „Astrein“ und „Ernte 14“. Markus Conrads steuerte im Übrigen u.a. „¡Venga, amor!“ zu diesem Album bei.

Es swingt und ist beschwingt, was das Trio zu Beginn des Albums spielt. Ein wenig polkahaft und obendrein folkloristisch erscheint das, was wir hören. Wer an Gipsy Swing denkt, wenn er sich auf den Titel einlässt, liegt wohl auch nicht falsch. Die Hörfarbe wird im Kern von Anto Karaula definiert, der bisweilen im Stil von Schnuckenack Reinhardt seine Gitarre zupft. In seine Fußstapfen tritt dann auch Markus Conrads mit seinem Bass. Irgendwann drängt sich auch die Assoziation an den Hot Club de France auf. Ruhig sitzen ist bei diesem Stück kaum möglich: Let's dance und swing!

Wie einst Jacques Loussier so „verjazzte“ das Trio Beethovens berühmte Klaviersonate Nr. 8. Irgendwann musste ich beim Hören auch an „Bourée“ von Jethro Tull denken, denn Reisige und Co. haben für mein Dafürhalten mit ähnlichem Ansatz wie Ian Anderson seinerzeit Johann Sebastian Bach im vorliegenden Fall Beethoven ihre besonderen Stempel aufgedrückt.

„Mozart 40“ ist keineswegs von Mozart, sondern ein Medley aus 17 Jahren Bandgeschichte. „La Badinerie“, Teil dieses Medleys, hatte sich ein Schüler von Tobias Reisige als Klingelton auf sein Handy heruntergeladen und als „Mozart 40“ abgespeichert. Welch Missverständnis: Das Stück ist von Bach, was der junge Mann nicht wusste. Doch als Titel eignet sich „Mozart 40“ und so dachte auch Wildes Holz.

Soprankontrabass und Subgroßbassblockflöte treffen im „Schneetreiben“ von Red Hot Chili Peppers aufeinander und haben ihren großen Auftritt. Allerdings klingt der Titel im Arrangement von Wildes Holz weniger nach Winter als nach Sommer, nach Strand, nach ein wenig „Macarena“ und Cuba libre. Auch an die Harmonien von „Over the rainbow“ fühlte ich mich erinnert, als ich zuhörte. Tanzende Schneeflöckchen sah ich bei dieser Musik nicht, sondern eher ausgelassene Mädels und Jungs am sandgelben Strand. Holzlastig geht es bei „Astrein“ zu. Der Tanzboden für ein höfisches Tänzchen scheint bereitzustehen. Tobias Reisige spielt dabei zwei Flöten simultan. Im Verlauf des Stücks wird aus dem höfischen Tänzchen ein flotter Volkstanz, bevor Bass und Gitarre sich in einen wilden Dialog begeben. Doch dieser Dialog ist nur ein kurzes Zwischenspiel. Elektrisch verstärkt tritt im Verlauf von „Astrein“ der gestrichene Bass auf, der sich nervös zeigt, ehe die Flöte wieder das Thema aufnimmt und das „Tänzchen“ in ruhigeres Fahrwasser bringt.

Rockig geht es bei „Speed King“ zu, dank sei dem Gitarristen der Gruppe. Tobias Reisige scheint sich in einen zweiten Ian Anderson zu verwandeln, wenn er diesen Titel von Deep Purple aus den 1970er Jahren anstimmt. Was man aus einem Hit der 1950er Jahre wie „Bo Diddley“ machen kann, beweisen Wildes Holz auf der aktuellen Einspielung auch: Landsknechttrommel trifft dabei auf eine mittelalterliche Einhandflöte. Bo Diddley mit seiner eigenwilligen Gitarre vermisst man dabei nicht.

Abschließend noch ein Wort zu „Rondo Alla Turca“: Das ist wahrlich ein Klassiker, wenn nicht gar ein Ohrwurm der Klassik aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart. Zunächst ist das Rondo ganz lyrisch angelegt, wenn Wildes Holz dieses Stück in die Finger bekommt. Doch wenn Anto Karaula und Tobias Reisige dann richtige loslegen, dann geht aber die Post ab. Tempowechsel spielen dabei ebenso wie verschiedene Soli eine gewichtige Rolle. Mozart bleibt stets erkennbar, aber er muss sich hier und da auch einige Variationen gefallen lassen. Mit einem Ausflug in die Neue Deutsche Welle verabschiedet sich das Trio: „Das Model“ steht dann bei Wildes Holz auf dem Programm.

Für dieses Album gilt unbedingt: Es kommt nicht unbedingt darauf an, was man spielt, sondern wie man es spielt!

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label

http://www.holzrecords.de/

Musiker

www.wildes-holz.de
Tobias Reisige

http://www.tobiasreisige.de/

 


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