Matt Holman's Diversion Ensemble: When Flooded

BJUR 036 Matt Holman

BJUR, BJUR 036

In Zeiten, in denen limitierte und handsignierte Vinylscheiben wieder hoch im Kurs stehen, haben Matt Holman und seine Mitmusiker den üblichen Weg beschritten und ihr aktuelles Album als CD herausgebracht. Neben Matt Holman an der Trompete hören wir Mike McGinnis (clarinet / bass clarinet), Christopher Hoffman (cello) – das ist angesichts der sonst üblichen Rhythmusbesetzung mit einem akustischen Kontrabass schon außergewöhnlich – Nate Radley (guitar) und schließlich Ziv Ravitz (drums and percussion).

Für diejenigen, die von Matt Holman bisher noch nicht gehört haben, vorab einige biografische Daten: Matt Holman lebt und arbeitet in New York und hat in seiner Karriere mit Musikern wie Fred Hersch, Kurt Elling, Darcy James Argue, Jon Gordon, Kate McGarry, Matt Ulery, Bob Newhart, Andrew Rathbun, Los Amigos Invisibles und The Gregory Brothers zusammengespielt. Zu seinen bisherigen Auszeichnungen gehören Preise wie der BMI Foundation’s Charlie Parker Jazz Composition Prize. Musikalisch inspiriert und beeinflusst wurde er unter anderem von Wayne Shorter und, man höre und staune, Dimitri Shostakovich.

Aus dem Off ergießt sich der Klangteppich, angeführt vom Klarinettisten Mike McGinnis. Ein Glöckchen schellt, und auch das Schlagzeug setzt Zeichen, ehe dann Matt Holman mit „lyrischem Spiel“ auf der Trompete fortfährt. „Kindred Spirits“ lautet der Titel, dessen Hörfarbe der Bandleader nachhaltig bestimmt. Inspiriert wurde das Stück nicht durch ein Gemälde gleichen Titels von Asher Brown Durand, einem Vertreter der Hudson River School, sondern ist, so der Komponist, die Reflexion einer unerwarteten Begegnung mit jemandem, den er lange nicht gesehen hatte. Die dritte Einspielung des Albums ist namensgebend: „When Flooded“. Dabei bezieht sich der Trompeter und Bandleader Matt Holman auf die regelmäßig in den Sommermonaten auftretenden Überschwemmungen in seinem Heimatstaat Arizona. Dann wird mit Warnhinweisen vom Benutzen der Straßen gewarnt. "It refers to the summer flash floods so common in the area. The first three words had faded on this particular sign, leaving open a world of interpretive possibility. I thought of what a flood can mean in a desert landscape like Arizona, and how much this idea is reflective of the creative process." Gitarrenklänge eröffnen das Stück. Dann steigt Matt Holman ein, und wir hören ein sehr verhalten anmutendes Spiel aus der Trompete. Dramatik scheint noch fern. Alles scheint seinen gewohnten Gang zu gehen. Von Flutwellen ist nichts zu vernehmen. Es klingt wie die Ruhe vor dem Sturm. Doch schließlich wird das Spiel plötzlich eruptiver. Man kann sich das Nahen der Fluten vorstellen. Alles scheint mitgerissen zu werden. Das Wasser lässt sich nicht aufhalten. Da helfen auch keine alarmierenden Warnrufe, die Matt Holman auf seiner Trompete ausstößt. Anschließend übernehmen der Cellist Christopher Hoffman und der Gitarrist Nate Radley das musikalische Zepter. Fangen sie mit ihrem Spiel das Treibgut ein, das im Wasser treibt? Zum Schluss zeigt sich nochmals, musikalisch in nervösem Spiel gut umgesetzt, die Kraft des Wassers. Doch das Ende ist dann wohl als eine trügerische Ruhe zu begreifen.
Mit einem sehr flotten Schlagwerk und ebenso flott daherkommenden Trompetenklängen beginnt "Chain of Command". Dabei handelt es sich um eine Komposition, die durch die bei uns unbekannte TV-Show „The Wire“ inspiriert wurde, und Macht und Autorität aufs Korn nimmt, so der „Waschzettel“ zum Album. Das Stück hat eine Note, die mit Jazz Rock und Fusion m. E. gut zu charakterisieren ist. Erstmals ist auch der Cellist Christopher Hoffman mit einem kurzen Solo zu hören. Das Stück lebt dabei vom gemeinsamen impulsiven Spiel, bei dem ich an Kompositionen von Abdullah Ibrahim denken musste.

Bei „Tandem“ scheinen sich die Musiker zu Paaren zusammenzufinden, unter anderem der Cellist Christopher Hoffman und der Trompeter Matt Holman. Zweigespanne bestimmen also den Verlauf des Stücks. Dass dabei Matt Holman eine wesentliche Rolle zufällt, sei an dieser Stelle hervorgehoben. Wer denkt, „Where The Tracks End“ bedeutet das Ende der Aufnahmen, der irrt, da das Stück „Syndrome“ zum Schluss des Albums zu hören ist. Wo aber enden die Wege? Welche Wege sind gemeint? Was „besingt“ denn Matt Holman da, das endlose Band eines Highways oder einen Fernwanderweg? Hört man aufmerksam zu, dann meint man mit einem Cabrio – das Verdeck ist zurückgeklappt – durch die Weite unterwegs zu sein. Bizarre Felsformationen ziehen vorbei. Schnurgerade ist das Asphaltband in der Landschaft. Hier und da kreisen Greifvögel über uns: Musikalisch durch Nate Radley an der Gitarre eingefangen, oder? Der Fahrtwind schwirrt stetig um unseren Kopf – man lausche dazu den teilweise säuselnden Trompetenklängen.

Das Album ist rund; die einzelnen Stücke in ihrer Dramaturgie voller Abwechslung. Ausufernde Improvisationen fehlen, und der Weg zur Melodie ist stets erkennbar. Das werden viele Jazzfreunde zu schätzen wissen.

Text © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label

BJUR
http://www.bjurecords.com./

Musiker

Matt Holman
http://mattholman.com/

 


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