Sigurður Flosason / Kjeld Lauritsen / Jacob Fischer/ Kristian Leth: Daybreak

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Storyville Records (Denmark)

Ja, der eine oder andere mag Björk kennen und mit Island in Verbindung bringen, doch Jazz aus Island ist in unseren Breiten weitgehend unbekannt. Wenn von skandinavischem Jazz die Rede ist, dann fallen Namen wie Jan Gabarek, Terje Rypdal, Bugge Wesseltoft oder Lars Danielsson, Atomic und Niels Landgren. Nun liegt ein Album mit sehr getragenen, ein wenig bluesigen Einspielungen vor, die dem Altsaxofonisten Sigurdur Flosason, dem Organisten Kjeld Lauritsen, dem Gitarristen Jacob Fischer und dem Schlagzeuger Kristian Leth zu verdanken sind. Die 2015 erschienene, vorliegende CD ist eine von 20 CDs, die Sigurdur Flosason in den letzten Jahrzehnten veröffentlich hat. Dabei ist er sich der Tradition des Jazz als im Kern afroamerikanische Musikströmung sehr bewusst. Viele mögen den Zugriff auf Standards mit dem Begriff „alte Schule“ abtun. Allerdings lässt das außer Acht, dass der Jazz von heute auf den Schultern des Jazz der 20er, 30er, 40er, 50er Jahre ruht, also auf Bebop, Hard Bop, Modern. Dieser Form des Jazz fühlt sich augenscheinlich der isländische Altsaxofonist sehr verbunden, sonst hätte er sich beispielsweise nie mit Kompositionen von Richard Rogers befasst und diese eingespielt.

Lyrische Standards für die fortgeschrittene Nacht und die ersten Morgenstunden – so heißt es in der Co-Head des Albums. „The Night We Called It a Day“ stimmt uns auf das ein, was uns auf dem Album an Standards erwartet. Dabei eröffnet Sigurdur Flosason das Stück mit seinen gehauchten Saxofonpassagen, die uns durch die Nacht mitnehmen, die wir zum Tag machen. Charakteristisch für diesen Song sind zudem die satten Hammond-Orgel-Klänge, die das behutsame Spiel Flosasons begleiten. Doch irgendwann übernimmt Kjeld Lauritsen am Hammond für einen Moment das Melodiezepter, das er anschließend an Jacob Fischer weiterreicht. Frank Sinatra hat den Titel mit nachstehenden Anfangszeilen bekannt gemacht: „There was a moon out in space / But a cloud drifted over it's face / You kissed me and went on your way / The night we called it a day ...“. Nur wenn man diese Zeilen kennt, weiß man um die Liebesgeschichte, die diesen Song ausmacht. Übrigens auch Bob Dylan sang einst diesen Song, der 1941 geschrieben wurde.

Billy Holiday besang ihn, den „Blue Moon“, und auch Elvis Presley. Nun präsentieren diesen Song Flosason und Co. Dabei fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt, in der Jimmy Smith seine Hammond B3 zum Klingen brachte. Was ist aber ein „Blauer Mond“? So bezeichnet man den zweiten Vollmond innerhalb eines Kalendermonats. Geschrieben wurde das Stück von Richard Rogers, und man findet in der Lyrik nachstehende Verse: „Blue moon/You saw me standing alone/Without a dream in my heart/ Without a love of my own ...“.

Eine Einladung zum Träumen folgt anschließend mit „Dreamsville“ und „You Stepped Out Of a Dream“. Dabei greift das Quartett auf eingespielte Schemata zurück, lässt jeden der Musiker ausreichend zu Wort kommen, wenn auch der Schlagzeuger weitgehend mit seinen „Besen“ hintergründig agiert, und die anderen Musiker die Hörfarben unter sich aufteilen.

Mit „I Like the Sunrise“ scheint endlich der Tagesanbruch vor uns zu liegen. So können wir, wie einst auch Nina Simone und nun Flosason und Co. mit folgenden Zeilen den Tag begrüßen: „I like the sunrise 'cos it brings a new day / I like the new day, it brings new hope they say / I like the sunrise blazing in the new sky / Night time's so weary and oh, so am I ...“.

Ein Hohelied auf den Morgen erklingt mit „Morning Glory“. Dieses Stück ist dem Pianisten und Komponisten Howard Hoagland "Hoagy" Carmichael zu verdanken. Mit „Oh, What A Beautiful Morning“ beendet das Quartett um Sigurdur Flosason schließlich den musikalischen Reigen. Übrigens: Wer an Peggy Lees Aufnahmen des gleichnamigen Titels von 1952 denkt, liegt nicht ganz falsch. Der Song stammt aus den 1940er Jahren und wurde von Richard Rodgers komponiert, der Songtext entspringt der Feder von Oscar Hammerstein II. Die Aufnahme auf der aktuellen CD wird von einem Gitarrensolo eingeleitet, das sich der Melodie bemächtigt hat. In diesen Melodiefluss stimmt dann das Saxofon ein. Irgendwie klingen beide Instrumente noch ein wenig verschlafen. Es muss also ein sehr früher Morgen sein, der da besungen wird. Das Leben hat noch nicht richtig Fahrt aufgenommen. Jeder Schritt wird bedacht, auch bezüglich des Arrangements, das nicht allein auf das Saxofon als Hörfarbe fußt, sondern auch der Hammondorgel und der Gitarre Raum für Solos ermöglicht. Hört man dem Melodiefluss zu, so scheint das Etikett Smooth Jazz durchaus angebracht. Lauscht man weiterhin dem Arrangement, dann meint man, die verschlafenen Gesichter in der Metro und im Bus vor sich zu sehen. Die meisten dösen oder hängen ihren unterbrochenen Träumen nach. Doch vertieft man sich in die Lyrik des Songs, dann wird man schnell merken, dass nicht das urbane Leben, sondern das Leben der Rancher und Cowboys besungen wird: „There's a bright golden haze on the meadow, / There's a bright golden haze on the meadow, / The corn is as high as an elephant's eye, / An' it looks like its climbin' clear up to the sky. - Chorus: Oh what a beautiful morning, / Oh what a beautiful day, / I've got a wonderful feeling, / Everything's going my way.“

Flosason hat hier ein Album eingespielt, das zum Chillen und Träumen einlädt. Die Melodien sind eingängig. Keine vertrackten Schemata zwingen beim Zuhören zur Kopfarbeit. Man kann sich einfach fallen lassen und sich der Musik hingeben – und das hat auch seinen Reiz.

Noch einige Worte zu ...
Sigurdur Flosason ist seit 1989 Rektor des Jazz Department der F.I.H School of Music, Islands führender Jazz-Akademie. Dekoriert wurde Sigurdur 1987 mit dem ersten Preis im American-Hoagy-Carmichael- Kompositions-Wettbewerb. Zudem verzeichnete er zahlreiche Nominierungen für bekannte Jazz-Preise wie den Nordic-Council-Musikpreis in 2000 und 2003. Fünfmal gewann er die Icelandic Music Awards. Er ist insbesondere in Dänemark sehr aktiv und veröffentlichte bei Storyville Records die Doppel-CD „Land&Sky” (2011), und die CD “The eleventh hour” (2013) mit Eigenkompositionen und seinem Copenhagen Quartet featuring Nikolaj Hess (piano), Lennart Ginman (bass) und Morten Lund (drums).

Text: © ferdinand dupuis-panther

Informationen
Musiker
Sigurdur Flosason
http://www.sigurdurflosason.com/
Kjeld Lauritsen
http://www.kjeldlauritsen.dk/?lang=en
Kristian Leth
http://kristianleth.com/
http://www.jacobfischer.dk/

Label
Storyville Records
http://www.storyvillerecords.com/

 


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