STAGE off LIMITS: RHRR im cuba Black Box Münster

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Mit dem Begriff kammermusikalisches Improvisations-Trio aus Frankreich wurden Guylaine Cosseron (Stimme), Xavier Charles (Klarinette) und Frédéric Blondy (Klavier) vollmundig angekündigt, sodass eine gewisse Erwartung erzeugt wurde. Seit einem guten Jahrzehnt hat sich die Stimme Guylaine Cosserons nun schon mehr und mehr ein gleichwohl eigenständiges wie sehr persönliches Profil geschaffen. Weder ging sie den Weg Richtung Jazz à la Great American Songbook, noch in die kühle, schwebende Welt des nordischen Gesangs einer Sidsel Endresen.

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Frédéric Blondy, ein Meister des präparierten Flügels und Gebieter über ein unerschöpflich scheinendes Klangarsenal, und Xavier Charles, dessen Klarinette schon in einer Vielzahl von Improvisationskontexten zu hören war, sind die anderen Musiker, die das cuba zum Vibrieren brachten.

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Wie schafft man es, Improvisationen hautnah sprachlich zu vermitteln? Es scheint, als sei unsere Sprache zu begrenzt, es sei denn man lässt sich auf Lautmalereien ein, aus denen man ein Wortgemälde schafft. Doch ehe es an den Versuch geht, Tonales in Sprache umzusetzen, stellt sich die Frage nach dem Namen des Trios. Rhrr – was? Im Gespräch mit dem französischen Dreigestirn der Improvisation ist die Lösung schnell gefunden. Wer eifrig Comics liest, der kennt diese lautmalerischen Kürzel für Gemütszustände. Genau einen derartigen hatten die Drei im Kopf, als ihnen „Rhrr“ über den Weg lief. Es unterstreicht die Mimik des Gesichts im Falle von Ärger und Zorn, von Ablehnung und Wut. Noch eine Frage ist vorab zu klären, nämlich die, ob kammermusikalisch wirklich als Begriff für die Musik des Trios ins Schwarze trifft.

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Im Gespräch bejaht Xavier dies und verweist darauf, dass es ja um einen Raum geht, in dem die Musiker auftreten, aber auch um Raum, der sie umgibt, um einen intimen Raum. „Unsere Musik ist nicht so sehr auf das Außen als auf das Innen gerichtet. Unsere Musik ist intim.“ Und weiter: „Wir teilen die Vorliebe, mit dem Klang zu spielen, zunächst mal untereinander. Erst dann kommt das Moment der Improvisation dazu. Dabei sind wir dann engagiert, nahe und in dem Moment des Klangs. Wir sind zudem auf dem Weg, den Klang auszubreiten und zu erweitern sowie zu sehen, was als Nächstes geschieht. So ist Kammermusik eine ganz gute Einordnung der Musik.“

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Die Frage jedoch, ob denn das Trio Minimal Music umsetzt, wurde von Frédéric Blondy weitgehend verneint. Er meinte, dass zu Minimal Music ein Konzept gehöre, über das man sich zu Beginn verständigen muss. Dies jedoch sei bei Rhrr nicht der Fall. „Wir treffen keine Entscheidungen, keine Absprachen, bevor wir anfangen zu spielen.“ Außerdem fügte Frédéric Folgendes an: „Ich habe eher die Vorstellung, dass wir ein Milieu schaffen, eine Art Landschaft. Dabei versuchen wir, Bilder zu schaffen und zu entwickeln.“ Zudem sei die Musik ja auch Teil der Persönlichkeit der einzelnen Beteiligten, fügte Guylaine hinzu. Die Musik und wie sie sich entwickelt, sei davon getragen, dass jeder für jeden Respekt aufbringt. „Uns geht es um Beziehungen“, merkte Frédéric an.

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Bei dem bleibt allerdings völlig offen, wie der Beginn und das Ende eines Stücks zustande kommen. Nein, so etwas wie einen abgesprochenen Anfang gäbe es nicht, aber man wisse aus dem gemeinsamen Konzertieren, welche Spielformen sich anbieten und welche nicht. Jeder entscheidet für sich, wie das Spiel sich entwickeln wird. Es ist Improvisation pur. Es ist somit auch ein Ausprobieren und das birgt auch immer ein Scheitern.

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Nun zum Konzert, das vor allem durch die Stimme von Guylaine überrascht. Da ist nichts von Scat Vocal zu vernehmen, eher denkt man an traditionelle Gesänge von Inuit, First Nations und Samen wie Marie Boine. Es ist Gesang zwischen Kopf- und Bruststimme, unterstützt, durch das Schlagen der Faust auf den unteren Hals oder das Fingertrommeln auf den Kehlkopf, wodurch tonale Veränderung erzeugt werden. Die Stimme fungiert als Instrument mit Kuckucku und Hähöhä zu tropfigen Klarinettenlauten, zu Atemströmen im Klangrohr, zum verhaltenen Geschnalze, zum Sirenenhaften der Klarinette. Vielfach ist das Gutturale dominierend, das die Stimme als Klangkörper auszeichnet.

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Härharböarböar und ein Klackklack mit dem Schlägel auf die Saiten des Klaviers sind zu vernehmen. Plingplong und Pause und dann wieder das Auftreten von Huäkhuäk oder Ähnlichem. Frédéric spielt weitgehend im Korpus des Flügels und nicht mit den Tasten. So zieht er die Saiten mit den Fingern oder lässt Objekte darauf niedergehen. Klappenlaute der Klarinette dringen ans Ohr. Danach ertönt wieder ein Plugplug des Flügels. Vibrationen der Pianosaiten werden erzeugt. Hauchend spielt Xavier seinen Holzbläser. Achaah und Dängdäng sowie Schnarren sind die Klangformen, die Guylaine beisteuert. Dabei schlägt sie sich mit der Faust auf ihren oberen Brustkorbansatz. Eine klagende Klarinette meldet sich und erhebt die Stimme. Darauf antwortet der Pianist mit einem Dongdondongda. Wir hören zwar kein RHR, aber Huarrhuarrhuarrjajajahaaaha … Tasten werden angeschlagen, aber vor allem die Saiten des Flügels gegriffen und zum Schwingen gebracht. Plung, plong … Bisweilen meint man ein Streitgespräch zwischen Flügel und Klarinette zu belauschen, wenn die Improvisationen ihren Fortgang nimmt. Ja da ist es, aber nur kurz das RHRR! Melodiefragmente sucht man vergeblich. Hm, klingt da nicht die Klarinette wie ein aufgeregter Kanarienvogel? Der Flügel scheint sich zeitweilig in eine Kreissäge zu verwandeln, ehe wieder ein RHRR zu hören ist.

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Improvisation - das ist Körpereinsatz, wie man beim Zuhören und -schauen realisiert. Ansätze des momentan Melodischen werden im nächsten Moment konterkariert. Mit Klackklackklack rührt sich der Pianist und es scheint, das jemand Stufen herunterstolpert. Die Lautstärke schwillt an. Hart ist der Duktus, den Frédéric an den Tag legt. Nach etwa 35 Minuten ist dann die Klimax überschritten und das Ende muss sein. Wie es zum Ende kommt, das wissen nur die beteiligten Musiker, die dabei ihrer Spielerfahrung und Intuition vertrauen.

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Im Anschluss wird noch ein kurzes Stück präsentiert, bei dem auch Pferdehaare, die normalerweise auf einen Geigenbogen gehören, durch die Saiten des Flügels gezogen werden. Plastikteile verschiebt Frédéric ebenso auf den Saiten, wie er auch mit Stöckchen die Saiten traktiert. Derweil jault die Klarinette, Bäbäbäbä sind die Laute, die Guylaine zum Stück beisteuert. Hochfrequenzhaftes und Pfeiftöniges gehören zum Stück und ein Sssss und Tstststs. Ohne Ankündigung und für die Zuhörer nicht kalkulierbar, findet das Trio auch bei diesem Stück ein Ende, teilweise mit angedeuteter Mimik und kaum von Außenstehenden wahrnehmbaren Blickkontakten..

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen
Musiker
Guylaine Cosseron
https://soundcloud.com/guylaine-cosseron/xavier-charles-guylaine
https://www.youtube.com/user/GuylaineCosseron

www.xaviercharles.com
http://www.xaviercharles.com/audio/sundaycovers/

www.fredericblondy.net
http://www.fredericblondy.net/video.html
Die CD Rhrr ist über die Musiker zu beziehen!

cuba Black Box
http://www.blackbox-muenster.de/index.php?id=271

 


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