Der FC Fritsche lief in Duisburg auf

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SPORTJAZZ ist das, was die Mannschaft ablieferte. „Wieso eigentlich Sportjazz?“, fragte ich den Mannschaftsführer Felix Carlos Fritsche vor dem Konzert. „Na ins Schwitzen komme ich schon.“ Das war die kurze, aber sehr prägnante Antwort. Elf Mann standen nicht auf dem Platz, dafür aber als Kapitän Felix Carlos Fritsche (Saxofon, Klarinette), als Linksaußen Sebastian Gerhartz (Saxofon, Klarinette), als „Einwechselspieler“ Raphael Zapp (Keyboards), als Verteidiger Johannes Nebel (Bass) und als letzter Mann und Torhüter Simon Camatta (Drums).

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Auf einen Mittelstürmer und einen Libero verzichtete man auf dem Kleinspielfeld im Lokal Harmonie in Duisburg-Ruhrort. Die aus Essen nach Duisburg gereiste Ruhrgebietsmannschaft unter Kapitän Felix Carlos Fritsche vergab keine Roten Karten und erteilte auch keine Platzverweise. Stadionverbote standen auch nicht an. Jeder Zuschauer, besser Zuhörer, war herzlich willkommen. Hohe Flanken, Dribblings und Endspurts kurz vor der Pause – darauf verstand man sich beim FC Fritsche über die gesamte Spieldauer. Der Ball war stets im Spiel. Ruhendes Spiel war nicht die Sache von Fritsche und Co. Dramatik pur wurde geboten. Langeweile kam während der beiden Spielhälften nie auf. Altbekannte Regeln wurden bewusst gebrochen, Standards überspielt und teilweise überraschende Klangfarben präsentiert. Jeder durfte sich ins Spiel einbringen und der Mannschaft zum Sieg verhelfen – Egal wie, Hauptsache es knallte!

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Das Spielfeld war kein Stadion mit Baukosten von Millionen von Euro. Es hatte eher einen herben Charme. Der Ort war nicht aufgeschickt, wie eben Duisburg auch nicht aufgeschickt ist, sondern die Narben des Strukturwandels zeigt. Duisburg eine Stadt im finanziellen Kollaps bringt aber eben auch ganz eigene Spielorte hervor, so wie das Lokal Harmonie, das mit dem Spielstättenpreis des Landes NRW ausgezeichnet wurde. Hier haben sich engagierte Bürger zusammengefunden, um unter anderem dem Jazz der Gegenwart eine Bühne zu bieten. Eintritt wurde nicht erhoben. Stattdessen wanderte der Hut herum. Jeder gab, was er geben wollte. Die Summe war dann die Gage für die Musiker. Diese war gewiss weit entfernt von den Gagen, die Chick Corea oder andere us-amerikanischer Jazzimporte für Festivalauftritt beziehen, und verdeutlichte das Dilemma von kleinen Veranstaltern und Musikern gleichermaßen: das Fehlen eines angemessenen Budgets und die ausreichende Förderung durch die öffentliche Hand.

Doch jetzt soll mal endlich der Anstoß erfolgen. Das Programm des FC Fritsche – der Name entstand, als Simon Camatta auf einem Notenblatt von Felix Carlos Fritsche diesen Namen sah und meinte, wieso man sich denn Fritsche-Camatta-Nebel und … und … nennen solle. FC Fritsche – abgeleitet von den beiden Vornamen des Bandleaders und dessen Nachname – sei doch viel griffiger.

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Also, dieser FC Fritsche präsentierte vor einer Schar von Jazzenthusiasten überwiegend Kompositionen, die für die Bachelor-Arbeit Fritsches entstanden waren und auf der CD „Raum“ ihren Niederschlag gefunden haben. Bei dieser Einspielung, die von Felix Carlos Fritsche vertrieben wird, saß noch Jakob Helling am Piano. Er wurde an diesem Abend durch den Einwechselspiel Raphael Zapp vertreten.

Das Publikum wurde auf „Fluchtpunkte“ ebenso mitgenommen wie auf den Heimweg nach dem großen Suff – die Nummer heißt sehr treffend „Torkl“. Mit dem „Alten Problem“, nämlich als Bandleader Solos zu spielen, Ansagen zu machen und Einsätze zu koordinieren, wurden die Zuhörer außerdem konfrontiert, bekamen „Rückenwind“ und mussten am Ende einsehen: „Das ist wirklich das Letzte“.

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Auf das klickende, klackende Schlagzeug stellt sich an den Keyboards Raphael Zapp ein, indem er seinen bunten Klangteppich mit viel Flausch ausbreitet. Felix Fritsche und Sebastian Gerhartz nehmen uns dann mit auf ein Duett. Man hat den Eindruck, sie würden uns mit ihren Altsaxofonen klanglich mal hierhhin und mal dorthin entführen. Streckenweise glauben wir, wir seinen in Nebelschwaden gefangen und lauschen den Nebelhörnern vorbeigleitender Schiffe. Hintergründig bedient Johannes Nebel seinen Bass, während dann Simon Camatta fordernd und energetisch sein Schlagwerk einsetzt. Auf die Passagen der Saxofone reagiert Raphael Zapp an den Keyboards und moduliert die „Vorgaben“. Irgendwie scheint alles in Bewegung zu sein. Doch wohin führen uns diese? Nervös und aufgeregt sowie irritierend wirken die „Fluchtpunkte“. Nachfolgend befassen sich die Mannen des FC Fritsche mit „Redox“. Hm, hat das nicht etwas mit Chemie, mit der Elekronenabgabe im Kontext von Stoffwechselprozessen zu tun? Wie das wohl musikalisch sich auswirkt, erleben wir dann. Zuvor fällt noch Felix Fritsches Bemerkung dazu, dass das Stück ganz anders klingt als „Fluchtpunkte“. Klarinetten, gleich zwei, trällern und trillern zu einem „stolpernden Schlagwerk“. Satt schwebt der Sound der Keyboards durch die Harmonie. Für einen kurzen Moment denkt der eine oder andere Musikkenner an Eisler, aber nur kurze Zeit des Verharrens gibt es nicht. Das Spiel fließt bei FC Fritsche, fast ständig. Pausen werden selten eingehalten. Die Klarinetten ereifern sich unterdessen und scheinen Chaos auszustrahlen. Oder ist das die heftige Verbrennungsreaktion bei der Elektronenübertragung – musikalisch natürlich? Die Klarinetten überschlagen sich stimmlich, kreischen und schreien. Sie verstummen dann, wenn sie durch die Saxofone ersetzt werden. Auch die strahlen Aufgeregtheit aus. Tempowechsel sind angesagt. Es wird lauter. Bei all dem geht die Suche nach der Harmonie weiter, auch wenn man als Zuhörer beinahe in eine Kettenreaktion hineingerissen wird. Mit einem Puh von Felix Fritsche ist dann die Stille da. Alle Energie scheint abgegeben worden zu sein.

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Anschließend gibt es dann etwas fürs Gemüt, so Felix' Ankündigung. Wir begleiten einen Sturzbesoffenen auf seinem Heimweg: „Torkl“. Dabei folgt man ihm von Hauswand zu Hauswand, an der er Halt findet. Auch Laternen sind hilfreich, um den Weg zu meistern. Die beiden Klarinetten, die Sebastian und Felix spielen, sind die Begleiter des fröhlichen Säufers, der sich tapsig bewegt. Oder sind es gar zwei Saufkumpanen, die da unterwegs sind? Bei zwei Klarinetten liegt das ja nahe, oder?

„ENG“ scheint weniger eng, also doch weit, im Sinne von offenem, ungebundenem Spiel – so der Eindruck beim Zuhörer. Ja, es gibt eine gewisse Verbundenheit und damit Enge, wenn sich Altsaxofon – gespielt von Felix – und Klarinette – gespielt von Sebastian – tonal näherkommen. Setzt Felix zum Solo an, dann denkt man wenig an den Begriff „eng“ als vielmehr an Unwetter, an Donnerwetter, an Windhose und Blitz. Derweil wirbelt Simon Camatta auf den Fellen seiner Trommeln. Bassgebrummel eröffnet das Stück „Puls“, und wir sind dann ganz auf Zack. Beim „Alten Problem“ liegt alles in Felix Händen, die Ansage, die Einsätze, das Solospiel – und das nimmt er dann auch gerne in Kauf.

Es war ein gelungener Abend bei sommerlichen Temperaturen. Man darf gespannt sein, welche weiteren Spielzüge und -varianten der FC Fritsche in Zukunft noch so entwickeln wird.

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Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen
Musiker
Felix Carlos Fritsche
http://www.felixfritsche.de/
http://www.felixfritsche.de/kapellen/
http://www.felixfritsche.de/heisse-streifen/
http://www.nrwjazz.net/anfrage/jazzdatenbank/musikerportrait.php?musiker=241

Simon Camatta
http://simoncamatta.de/
http://www.nrwjazz.net/anfrage/jazzdatenbank/musikerportrait.php?musiker=64

Ort
Lokal Harmonie
http://www.lokal-harmonie.de/

 


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