Im Gespräch mit dem in Deutschland geborenen und hier auch aufgewachsenen belgischen Gitarristen Serge Corteyn

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In Deutschland aufgewachsen, aber Belgier. Da stellt sich die Frage zur Beziehung in die belgische Jazzszene.

Nee, nicht wirklich. Es ist zwar ganz witzig: Ich habe zwar Verwandte in Belgien, in Gent und in Brüssel, aber ich war immer nur auf Besuch da.

Gibt es sie oder bist du ganz und gar in der hiesigen Szene eingebunden?

Ja genau, ich bin mit 23/24 Vater geworden und habe weiter dort gewohnt, wo ich aufgewachsen bin.

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Von 1989 bis 1995 erfolgte dein Musikstudium an der Hochschule der Künste Arnheim. Gibt es dahin noch Bezüge?

Ja, das ist sogar so, dass bei The Dorf Leute mitspielen, die in Arnheim studiert haben. Ich habe außerdem immer noch mit den Leuten aus meinem Studienjahrgang zu tun. Ich habe manchmal das Gefühl, das ist der Hauptvorteil von so einem Studium, dass man da Leute kennenlernt.

Bist du mit The Dorf und deinem Wohnort (Bochum-) Wattenscheid also der Ruhrgebietsszene des modernen Gegenwartsjazz verbunden?

Ja, offensichtlich.

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Hattest du nie die Vorstellung vom Rock Star?

Doch. So mit 14 natürlich.

Und in welche Richtung ging es?

Ich war ein totaler Neil-Young-Fan. Ich habe immer noch so eine totale Verbindung zu Rock und Indie. Ich höre das heute noch gerne. Jazzgitarre studiert habe ich, weil es nur das Studium der klassischen oder der Jazzgitarre gab. Klassikgitarre ist mit Fußbänkchen verbunden. Ich hatte einmal mit 14 Jahren kurz Unterricht bei einem Klassikgitarristen, und da ging es mit so einem Fußbänkchen los. Da habe ich gedacht, dass das nicht gut aussieht und das machst du nicht.

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Was macht die Ausbildung in Arnheim in Sachen Jazz aus? Legt man den Schwerpunkt auf das Great American Songbook?

Schon. Auf jeden Fall. Es war schon klar, dass man das alles so machen muss. Obwohl, wir hatten auch Latin, Fusion und ein Free Ensemble. Das waren zwei Stunden in der Woche. Instrumentalunterricht war ganz klar auf Standards ausgerichtet.

Jazz ist ein weites Feld und reicht von Swing, Bebop. Hard Bop, Cool Jazz, Fusion bis zu Free Jazz. Wie bist du überhaupt zum Jazz gekommen?

Mit 17/18 habe ich in vielen Rockbands gespielt, und dann habe ich irgendwann mal gedacht: „Oh, du machst ja immer das Gleiche.“ Ich hatte aber überhaupt keine Handhabe, wie ich das ändern kann. Im Musikladen hat dann einer zu mir gesagt: „Ja, dann kannst du Klassik oder Jazz machen.“ Dann habe ich gesagt: „Klassik war das mit dem Fußbänkchen. Ja, Jazz interessiert mich nicht, aber dann machst du mal halt Jazz.“

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Du hattest keine richtige Vorstellung davon, was Jazz ist?

Nee. Mein Einstieg in den Jazz war eine Al-Di-Meola-Platte, gleichzeitig mit einem the Cure-Album. Beim Unterricht ging's halt um Standards und dann habe ich gemerkt, dass ich das irgendwann interessanter als Di Meola fand. Al Di Meola fand ich nur cool, weil er so schnell war. (Lachen!)

Gab es andere Gitarristen, an denen du dich orientiert hast?

Ja, Scofield, Bill Frisell, Pat Metheny. Ich war auch schon immer ein großer Fan von Marc Ribot; von allem, was so ein bisschen krumm und nicht so schön klingend war. David Torn fand ich gut. Dann habe ich ein paar Jahre in einem Neue-Musik-Ensemble mitgespielt. Letztendlich fand ich viele Sachen dann spannend. Es war nie so, dass ich gedacht habe, ich mache nur Jazz oder ich höre nur Jazz. Das hat sich durchs Studium und darüber, dass man ganz viele Leute kennt, so ergeben. Dann sagen die Leute irgendwann, du bist Jazzmusiker.

Gab und gibt es Vorbilder für die Art von Jazz, die dir am Herzen liegt? Wenn ja, welche?

Ja, es gab so Leute, die ich gut fand. Ich hatte aber Studienkollegen, die viel besser Sachen adaptieren konnten. Ich habe das nie so gut wie die hingekriegt. Weil das nicht funktioniert hat, habe ich mir gesagt, dann musst du das wohl anders machen. (Lachen)

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Wie hast du denn deinen eigenen Stil entwickelt?

Das ist ja keine bewusste Entscheidung. Ich weiß gar nicht, was mein Stil ist. Ich mag ganz gerne Effekte. Das fing ganz früh an, weil ich immer versucht habe, irgendetwas herauszuholen, was nicht nach Gitarre klingt. Ich habe immer danach gesucht, wie ich die Gitarre erweitern kann. Es gibt eine indische Gitarre, die heißt Chaturangi. Ich habe dann bei einem indischen Meister Chaturangi-Unterricht genommen, weil mich das interessiert hat. Dann habe ich eine Zeit lang, nicht Gitarre geübt, sondern nur Chaturangi. Es war immer so, dass mich Sachen interessiert haben, die gerade nicht notwendig waren und nicht zwingend mit meinem Instrument zu tun haben, das gilt auch für Musikrichtungen. Meistens hat mich das interessiert, was nicht nützlich war. Ich fand das viel spannender als das, was gefordert war.

Kannst du zu deinem „Tischlein elektronisch“ etwas sagen? Was hast du? Distortions, Loops, Delays?

Ja, auch Ringmodulator. Das hat ja mittlerweile fast jeder. Für mich ist das wie ein Instrument, weil ich das ganz oft benutze. Ich habe kein Multieffektgerät, sondern einzelne Effekte, weil man die direkt beeinflussen kann. Es ist zwar manchmal beim Umschalten unpraktischer, weil man alles einzeln bedienen muss, aber man sieht immer sofort, was das einzelne Effektgerät bewirkt.

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Aber die Gitarre klingt immer noch wie eine Gitarre, oder?

Ich habe den totalen Fetisch mit, dass die ganze Elektronik nicht den Originalklang beeinflusst. Wenn die Effektgeräte ausgestellt sind, hat das keinen Einfluss. Midi Benutze ich nicht. Ich hatte mal einen Gitarren-Sythesizer, aber der hatte eine Latenz. Das heißt, der Ton kommt nicht dann, wenn man ihn spielt. Außerdem finde ich es nicht witzig, auf der Gitarre Klavier zu spielen. Dafür gibt es ja ein Klavier!

Worin siehst du die Wurzeln für die Musik bei The Dorf und auch beim Zusammenspiel Klare-Schwers-Ismaily-Corteyn? Worauf baut das auf? Gibt es eine Struktur?

Man hört einfach zu und merkt, wohin sich das bewegt.

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Du spielst bei The Dorf und Staub. Würdest du diese Musik noch in die Kategorie Jazz einordnen?

Jazz ist die Musikrichtung mit der weitesten Bandbreite. Es gibt andere Genres, die da klarer definiert sind. Jazz kann ja in Richtung Neue Musik klingen, könnte aber auch Dixieland sein. In den 70er Jahren gab es den Rockeinfluss auf den Jazz. Ich habe das Gefühl, dass heute alles geht, dass es keine klare Abgrenzung gibt. Dass wir improvisieren, das ist auf jeden Fall Jazz. Eine Punkrock-Band stellt sich nicht auf die Bühne und hat die Stücke nicht vorher geübt. Die haben ja ein Stück und beim Jazz passiert das.

Die Musik bei The Dorf ist doch sehr strukturiert, oder?

Ja, da gibt es Stücke und Noten.

Ist elektronische Musik im weitesten Sinne die Musik, die dich anspricht?

Wenn du tonale Manipulation meist, ja. Durch sie kann ich mein Instrument erweitern. Eine Geige kann ja total lange Töne spielen, eine Gitarre ist eigentlich schnell weg. Dadurch, dass ich Effekte benutze, kann ich das ändern. Die Gitarre hat eigentlich einen harten Attack, der gleich da ist. Wenn ich reinschwelle, kann ich so klangliche Parameter verändern. Das finde ich spannend. Deshalb habe ich das Zeug auf dem Boden.

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Wie verhält sich das Melodische zum Kakofonen in der Musik, die du mit Staub und The Dorf machst?

Es geht eigentlich um Klang und um das, was notwendig ist. Das bestimmt das Verhältnis. Das ist immer eine Entscheidung im Moment.

Ihr beginnt zu spielen, aber wie findet ihr das Ende?

Wie den Anfang. Man hat schon ein Gefühl dafür, dass die Spannungskurve vorbei ist. Das findet sich auch immer.

Ich danke für das Gespräch.

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Interview und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Serge Corteyn
http://sergecorteyn.de/
http://sergecorteyn.de/projekte/staub

 


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