Vince: A Story about...

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Unit Records, UTR 4575

Wenn Simon Becker-Foss (sax), René Bornstein (bass), Dirk Häfner (guitar) und Arne Müller (drums) zusammenkommen und musizieren, dann begegnen wir Vince, einer Kunstfigur. Laut Pressetext des Labels vermischen sich bei diesem Projekt audiovisuelle Medien und Musik: „VINCE „a story about“ ist eine audiovisuelle Performance, welche die Grenzen der tradierten Jazzpräsentation sprengt und weit über das Niveau der Standardprogramme hinauskatapultiert. In dem lustvoll-ironisch szenischen Konzert, das die fiktive Geschichte des abgehalfterten Weltretters Vince erzählt, trifft Livemusik auf Videobilder, die über die Bildschirme von Fernsehgeräten der ersten Stunde flimmern.“

Mit René Bornstein am Bass begegnen wir im Übrigen einem alten Bekannten, denn René ist auch Mitglied der Gruppe Tann, deren Album Nadel verpflichtet bei Jazz'halo bereits besprochen wurde: http://jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=343&Itemid=294. Kurz noch der Hinweis: Bei „Tann“ trägt Bornstein Jägergrün, auf der vorliegenden Platte mischt sich der Mann mit Bart und Brille auf dem Cover unter seine ebenfalls bärtigen Mitspieler, eine Arbeit von Therese Schreiber. Das soll an dieser Stelle mal erwähnt werden, denn die Coverdesigner fristen ja ansonsten ein Dasein als graue Mäuse, über die kaum oder gar nicht geschrieben wird.

„Vince in Greiz“ ist der Aufmacher der Veröffentlichung mit insgesamt elf Titeln, von denen fünf von René Bornstein stammen und die übrigen von dem Saxofonisten Simon Becker-Foss. Also hören wir mal, was denn Vince in Greiz so treibt: Verhalten beginnen Bass und Saxofon, ehe sich auch noch die Gitarre zu Wort meldet. Unterdessen beschleicht uns der Eindruck, die Komposition habe ein Schlaflied oder „Meister Jakob“ zum Vorbild genommen. Oder trügt dieser Eindruck? Auf alle Fälle erfreuen uns im Verlauf des Stücks verspielte Saitenklänge. Diese muten so an, als hätte der Komponist einen Flaneur bei seinem Gang durch eine nächtliche Stadt begleitet. Partygänger und Cruiser sind auch unterwegs – man höre nur mal auf das Saxofon. Dröhnt da nicht der Sound der Motoren? Doch irgendwann hat die liebe Seele Ruh'! Wie kommt man bloß auf einen Namen wie „Paprika“, wenn man Jazz komponiert? Soll damit auf die Würze der Musik angespielt werden? Doch was hören wir denn: „stolpernde Tonfolgen“ und dann „hochtönige“ Eskapaden der Gitarre. Wie gequälter Gesang klingt das, was dem Saxofon tonal abgerungen wird. Mediterranes Feeling kommt dank eines Rhythmuswechsels innerhalb des Stücks auf. Das Saxofon zeigt sich dann aufgeregt. Doch der Bass beweist dagegen Bodenhaftung. Werden wir am Ende nicht auch noch in die Welt von Ska entführt?
Nach der musikalischen „Paprikaspeise“ treffen wir erneut auf Vince. Diesmal bleibt er allein. Sanfte Tonwellen umspülen unser Gehör. Zart angerissen werden die Gitarrensaiten. Im Hintergrund agiert der Bassist, über dessen Klangwelt sich das Saxofon mit seinen Volumina schwebend ausbreitet. „Path etique“, als nächster Titel, klingt gar nicht pathetisch und lebt von der Dominanz des Saxofons. Songhaftes ist auf der aktuellen Einspielung auch zu hören, denkt man an „Whatever“. Danach schließt sich das Stück „12“ an, und man fragt sich, für wen es denn zwölf geschlagen hat. Wenn es denn ein „Novemberlied 16“ gibt, dann erhebt sich doch die Frage, wo denn die Lieder 1 bis 15 geblieben sind. Beim Zuhören denkt man weniger an November, sondern an einen herbstlichen Oktober jenseits eines Indian Summers. Man lauscht den aufkommenden Herbststürmen, den Regenschauern und den vorbeieilenden Passanten, die vor dem Wetter in nahe Cafés und Kaufhäuser fliehen. Mit „Bernstein Part Two“ endet das Album. Auf welchen Bernstein bezieht sich denn dieser Titel? Auf Leonard Bernstein und seine West Side Story? Auf Eduard Bernstein, den sozialdemokratischen Theoretiker und Politiker des 19./20. Jahrhunderts? Oder geht es gar um den „Edelstein“, den die Ostsee ans Haff spült? Dazu müsste man die Bandmitglieder befragen. Feststeht jedoch: Das Album ist ein Hochgenuss pur, vor allem wegen der sensiblen Feinabstimmung zwischen Gitarre und Saxofon, zwei durchaus sehr unterschiedlichen Harmonieinstrumenten, die es gilt, harmonisch miteinander zu vereinen. Deutlich wird auch, dass die Band einen Jazz pflegt, der nicht ins Schema Post-Bop oder Straight Ahead Jazz passt, sondern eher wohl mit „freiem Spiel“ zu umschreiben ist, wenn man denn nach einer Kategorisierung sucht.

Text: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Unit Records
www.unitrecords.com

Musiker

Videos:
http://youtu.be/ho4dZfLJuYU

www.jazzvince.de
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