Interview mit … dem in Detmold lebenden Kontrabassisten Fritz Krisse

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In der internationalen Kontrabassszene ist Fritz Krisse seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil. Er spielte u. a. mit Charlie Mariano ebenso wie mit Attila Zoller und über zehn Jahre auch mit dem legendären, 2005 verstorbenen Jazztrompeter Benny Bailey. Die Stärke des aus Detmold stammenden Musikers liegt darin, Jazz, Blues und die Klassik zu einer Melange zu vereinen.

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Fritz Krisse ist mit Soloprogrammen, aber auch im Duo mit Florian Weber sowie nun mit seinem jüngsten Bandprojekt namens New Spaces unterwegs. Mit New Spaces – einer Band, die seit einem Jahr besteht – versucht der versucht der Kontrabassist Fritz Krisse, die Stile von modernem Jazz, europäischer Musik (Maurice Ravel, Alban Berg, Arnold Schönberg) und auch Blues-Rock zu einem Personalstil zu vereinigen. Zur aktuellen Band von Fritz Krisse gehören der aus Bremen stammende Pianist Oli Poppe, der gleichfalls aus der Stadt der Bremer Stadtmusikanten stammende, Groove betont spielende Schlagzeuger Ralf Jackowski und die Kölner Alt und Tenorsaxofonistin Natalie Hausmann, deren Spiel das Klangbild des Quartetts zu formen weiß. Oli Poppe und Fritz Krisse tragen durch ihre Kompositionen ganz wesentlich zur musikalischen Hörfarbe der Band bei.

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Zunächst einmal die Frage nach dem Namen deiner neuen Formation: New Spaces – und was hat es damit auf sich? Gibt es noch neue Räume und Entwicklungen?

Das Ensemble, mit dem ich zuvor gearbeitet habe, hieß Double Spaces, abgeleitet vom Double Bass und gleichzeitig von der Sinngebung wie in Third Stream, die zwei Welten zusammenzubringen, die europäische und die afroamerikanische Musik. (Anm.: Third Stream war eine vom US-amerikanischen Komponisten Gunther Schuller zu Beginn der 1950er Jahre initiierte Musikrichtung, die die europäische Neue Musik mit dem Modern Jazz verband und eine Musik jenseits von E- und U-Musik meinte.). Bei dieser neuen Band, deswegen New Spaces, kommen diese beiden Elemente auch drin vor. Was mir persönlich ein großes Anliegen ist: Da kommen auch die Elemente aus der Blues-Musik und, ich sage mal, der Blues-Rock-Ecke dazu, weil das eine Musik ist, so finde ich zumindest, die in Jazzkreisen noch immer sehr stiefmütterlich behandelt wird. Wenn ich mich mit ambitionierten Jazzmusikern unterhalte und sie nach Jimmy Page oder nach Robin Trower frage, dann kennen die meisten die gar nicht. Das Tolle finde ich an diesem Quartett (gemeint ist New Spaces), dass ich hier Musiker gefunden habe, mit denen ich all diese Elemente integrieren kann. Ich habe ein Stück im Programm, das ist eigentlich inspiriert von der Rockband Led Zeppelin. Das ist ja nicht so ganz üblich im Jazz. Natürlich hatte ich das große Vergnügen – wann war das? – 1997 in New York Michael Brecker zu hören und da hat er „Third Stone From The Sun“ von Jimi Hendrix gespielt. Es ist also nicht neu in dem Sinne (gemeint ist die Verbindung von Rock und Jazz!). Gerade, wenn man an den Hochschulen Jazz studiert, dann ist der Bereich Rock ziemlich ausgeklammert, was ich sehr bedauere.

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Ausgeklammert auch das, was man Fusion nennt und den Höhepunkt in den späten 70er und 80er Jahren hatte? Mein Eindruck ist, dass das gar keine Rolle mehr spielt und Post-Bop hoch im Kurs steht. Das heißt, man besinnt sich auf Parker, Monk, Webster, Miles Davis ...

In New York war das in den 1990er Jahren ganz stark der Trend. Der entscheidende Unterschied ist der, wenn Elemente aus dem Bebop genommen werden, dann berufen sich die jungen Leute, die das spielen, auf die Wurzeln des Jazz. Dann geht es los bei Lester Young und entwickelt sich zu Charlie Parker. Wenn es um die Elemente von Fusion geht, dann berufen sie sich z. B. auf George Duke oder Bill Cobham, also auf eine Zeit, als die Vermischung Rock und Jazz längst stattgefunden hatte. So besinnt man sich nicht auf die Wurzeln und auf die Frage, wo kommt das Rockelement eigentlich her: Robert Johnson, Muddy Waters oder John Lee Hooker … Benny Bailey sagte immer: „You have to start at the beginning.“ Das ist auch mein Motto.

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Von Wynton Marsalis wird überliefert, dass er Jazz als eine Verbindung von Blues und Swing charakterisiert hat. Wie bist Du denn zu der Form des Jazz gekommen, die Blues und Rock aufnimmt?

Das Zitat hört sich sehr nach Wynton an. Das Besondere finde ich an der Entwicklung der etwas moderneren Bluesmusik, Rhythm 'n Blues, die ursprünglich aus Amerika stammte, dass sie in der ersten Hälfte der 1960er Jahre dann in England sehr stark aufgenommen wurde und von England aus ab 1966 eine Weiterentwicklung dieser Musik geschah. Federführend war vor allem die Gruppe Cream, die im Grunde genommen Jazz gespielt hat, aber mit dem Idiom von Blues. Das hat vorher so extrem noch nie jemand gemacht. Als Cream in New York „Disraeli Gears“ aufgenommen haben, haben die farbigen Amerikaner gesagt, was ist denn da los. Da kommen so ein paar blasse Engländer und die spielen unsere Musik. Wie sind denn die drauf. Was nach Cream kam, hat sich ja eine ganz eigene Kultur geschaffen. Jimi Hendrix hat sich am Ende seines Lebens hauptsächlich in England aufgehalten, weil halt da eine neue Musik entstand, so wie in New York Mitte der 1940er bis Ende der 1950er Jahre das Zentrum vom Jazz war. Dass ich zu dieser Musik gekommen bin, hat was mit meinem Alter zu tun. Ich bin in der Zeit aufgewachsen und hatte das große Glück, das noch mitzuerleben, wie das war, als Cream noch ganz neu war. Als ich das erste Mal Led Zeppelin gehört habe, hat mich das umgehauen. Man könnte sagen, das hat mein Leben verändert. Das war eine ganz neue Art von Wahrnehmung. Ich habe eigentlich erst danach Jazz kennengelernt.

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Wo liegen denn die Wurzeln der Musik, die Du machst? Europa plus USA oder ist Jazz nach wie vor afroamerikanische Musik?

Ursprünglich war es das mit Sicherheit, aber ich denke, dass es mittlerweile die Musik der westlichen Welt ist. So kann man das am besten sagen. Das kann man gar nicht mehr so lokalisieren. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war diese Musik in der ganzen Welt omnipräsent. Überall haben sich ganz großartige Talente entwickelt und haben ein Stück mehr dazu beigetragen. Der erste europäische Beitrag war sicherlich von Stéphane Grappelli und Django Reinhardt schon vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Da fing es an, wie ein Flächenbrand – überall.

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Worin siehst Du denn die europäischen Aspekte im Jazz? Ich erlebe europäische Jazzmusiker, die wie der Vorarlberger Jazzpianisten David Helbock nicht davor zurückschrecken, Folklore in ihre Musik zu integrieren, oder aber wie der Münsteraner Flügelhornist Christian Kappe auf die europäische Klassik zurückzugreifen und Motetten in den Jazz aufzunehmen.

Ich denke, die Besonderheit, gerade was europäischen Jazz angeht, dass Europa über Jahrhunderte das kulturelle Zentrum der westlichen Welt war. Die Kultur, die zur gleichen Zeit in Amerika vorherrschte, war die Kultur der Natives. Die ist ja ignoriert und fast vollständig zerstört worden. Es gab in Europa um die Jahrhundertwende und in den 1920er Jahren in Berlin eine sehr rege aktive Jazzszene. Der große Bruch kam dann in der Zeit des Nationalsozialismus, der ganz Europa materiell und auch kulturell zerstört hat. Zumindest war Europa über einen langen Zeitraum im Würgegriff des Nationalsozialismus. Als die Befreiung kam - wir feiern ja am 8.Mai den 70. Jahrestag dieser Befreiung -, da begann dann die Entwicklung. Natürlich war der Jazz in Europa im Vergleich zu Amerika ganz weit zurück und musste sich erst entwickeln. Der Hintergrund, den die Musiker in Europa hatten, gerade durch das große Erbe von Johann Sebastian Bach und alles, was dann danach kam, war ja immer da. Das hat sich im Laufe der Zeit als ein besonderes Potenzial gezeigt. Wenn ich mir die Musik von Chick Corea aus den frühen 1980er Jahren anhöre, da gab es ein Album, was mich damals total begeistert hat, das war Three Quartets mit Michael Brecker, Chick Corea und Eddie Gomez. Da kommen plötzlich Elemente von einem späten Beethoven oder von Berlioz oder von Bartok mit hinein. Das sind Elemente, die eigentlich Einflüsse aus Europa sind, ganz klar. Ich denke auch an die Orchestermusik von Duke Ellington, der versucht hat, europäische Musik darin aufzunehmen. Benny Bailey zum Beispiel – mit ihm habe ich viele Jahre gespielt – war total begeistert von Olivier Messiaen und hat die Modi studiert und das, was man daraus machen kann.

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Du spielst einen klassischen akustischen Kontrabass. Siehst Du einen Unterschied zum E-Bass?

Ich spiele auch E-Bass. Aber im Ensemble New Spaces spiele ich nur Kontrabass. Einer der Gründe, dass ich seit Jahrzehnten daran arbeite, die beiden Welten Jazz und Rock zusammenzubringen, liegt in dem Instrument begründet. Ich habe das Instrument als „klassisches Instrument“ studiert, zusätzlich bei Siggi Busch und Eddie Gomez in Sachen Jazz und gerade auch durch das Spielen mit Benny Bailey oder Lee Konitz oder mit Attila Zoller. Es war immer mein Anliegen diese beiden fantastischen Klangmöglichkeiten von Jazz und Rock in einer Musikform vereinen zu können. Beides erfordert ja ein eigenständiges Studium und ganz viele Jahre des Übens.

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Mir fällt bei Bassisten auf, dass sie häufig im Hintergrund der Bühne zu finden sind. Rampensäue scheinen sie nicht zu sein. Du hingegen stehst mehr im Fokus und eher am Bühnenrand. Vielfach nehmen Bassisten eine zurückgenommene Rolle an, weil sie persönlich auch eher introvertiert sind. Liegt das am Instrument oder ist das ausschließlich eine Frage der Persönlichkeit.

Das ist in erster Linie eine Frage der Persönlichkeit. Spätestens mit Oscar Pettifort war klar, dass der Bass als Soloinstrument vorne ganz super wirkt und funktioniert. Die Sextett- und Oktett-Aufnahmen von Pettifort sind der Hammer. Für mich war die Offenbarung, als ich Eddie Gomez kennengelernt habe. Das ist jemand, der beide Welten auf unglaubliche Weise beherrscht. Ich weiß, dass ich, als ich ihn bei uns an der Hochschule gesehen habe, mit anderen Bassisten in der ersten Reihe saß. Wir haben uns angeschaut und gedacht, der spielt ja Sachen, die kann man ja eigentlich gar nicht spielen. Der groovte wie ein Rhythm 'n Blues-Gitarrist. Ich habe ihn das erste Mal im Duo mit Jeremy Steig gehört. Das war ein Wahnsinnsgroove.

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Du spielst Solo, im Duo und auch im Quartett. Was zeichnet diese Formationen jeweils im Vergleich miteinander aus?

Ich versuche stets die Musik so zu spielen, dass die Musik optimal geil klingt. Für mich ist das Ideal das, was Miles mal gesagt hat: „Wenn ich ein Solo spiele, dann spiele ich so, dass die Band geil klingt.“ Genauso spiele ich als Bassist, wenn ich nur begleite. Dann höre ich, was der Solist und was die anderen spielen, und versuche jedes Quäntchen, das ich spiele, so einzusetzen, dass es gesamt optimal klingt und dass mein Beitrag alles zusammen puscht. Das mache ich auch, wenn ich ganz alleine spiele oder mit einem Quartett oder in einer Big Band.

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Wie wichtig ist der Bass denn überhaupt im Jazz?

Rick Abao hat mal gesagt, im Jazz ist es so, man braucht immer einen Bass. Es geht los beim Duo, das kann Klavier und Bass oder Gitarre und Bass, auch beim Trio und Quartett. (Mit Lachen) Das stimmt natürlich nicht ganz. Der Bass hat schon eine wichtige Funktion, weil er das Bindeglied zwischen dem harmonischen Klang und dem Perkussionseffekten darstellt. Er verbindet Rhythmus und Harmonie.

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Zum Abschluss: Welche Art von Musik machst Du denn mit New Spaces?

Ich versuche einfach autobiografischer Künstler zu sein und das, was mich bewegt, einzubringen. Das Tolle finde ich daran, dass ich in Oli Poppe einen Komponisten und Mitspieler gefunden habe, dessen Kompositionen mich sehr stark bewegen. Dabei habe ich das Gefühl, da ich bei jeder seiner Kompositionen sagen kann: „Ja, ja, genauso!“ Wir sind ein bisschen seelenverwandt. Das finde ich eine großartige Fügung.

Ich danke für das Gespräch.

Interview und Fotos: ferdinand dupuis-panther

Informationen

Fritz Krisses New Spaces
http://fritz-krisse.de/index.php?home

 


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