Die kleine Weltlaterne a hot spot of Dixieland and New Orleans Jazz in Berlin

 

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Eine Berliner (Jazz)Institution: die kleine Weltlaterne
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Jahrzehnte trafen sich in der Kreuzberger Kohlfurter Straße bei Hertha Fiedler Berlins bildende Künstler und Schauspieler, ob nun der Maler Kurt Mühlenhaupt oder die Schauspieler Rudolf Platte oder Günter Pfitzmann („Praxis Bülowbogen“) - davon zeugen die zahlreichen Fotos an den Wänden des Lokals. Auch der CDU-Politiker, spätere Regierende Bürgermeister von Berlin und Bundespräsident Richard von Weizsäcker kannte Hertha Fiedler. Die Schlagersängerin Catharina Valente schaute ebenso vorbei wie der Entertainer Harald Schmidt. Der Komiker und Barde Karl Dall („Insterburg & Co), der Sänger Frank Zander („Und jetzt kommt Kurt...“) und auch der umtriebige Nachtklubbesitzer Rolf Eden kamen in die kleine Weltlaterne. Georg Kreisler, dieser spitzzüngige österreichische Pianist, saß in der kleinen Weltlaterne am Klavier und auch der Blödelbarde Mike Krüger („Da muss man nur den Nippel durch die Lasche ziehen ...“) steckte seine Nase in die kleine Weltlaterne. Selbst die Schauspielerin Inge Meysel ließ es sich nicht nehmen, Hertha Fiedler die Aufwartung zu machen. Gleiches gilt für den Kabarettisten Dieter Hallervorden.

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Outsider Art in der kleinen Weltlaterne

Neben all den Schwarz-Weiß-Fotos der Prominenz finden sich außerdem einige Originalarbeiten von Friedrich Schröder-Sonnenstern in der heutigen kleinen Weltlaterne. Der im hohen Alter verstorbene Schröder-Sonnenstern war ein Berliner Künstler, den man der Outsider Art zurechnen muss. Mehrfach verbrachte er Zeiten in psychiatrischen Kliniken und begann erst zu malen, nachdem er während seiner Zeit in der Provinzial Irren- und Heilanstalt Neustadt in Schleswig-Holstein den expressionistischen Maler Hans Ralfs kennenlernte, der ihn zum Zeichnen erster Bilder anregte. Schröder-Sonnensterns Themen kreisen vor allem um Fantasiegestalten eingebettet in erotische Szenen. Einige seiner anthropomorphen Figuren zeigen ausgeprägte Pferdeärsche. Nachdem in den 1960er Jahren ruchbar geworden war, dass er nicht selbst malte, um der Nachfrage nach seinen Werken Herr zu werden, sondern Gehilfen damit beauftragte, auf vorsignierten Kartons seine Arbeiten zu pausen und auszumalen, fiel er in der Kunstwelt in Ungnade. Zurückgezogen und verarmt verstarb er 1982 und wurde auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof bestattet.

Als alles begann

Die Geschichte der legendären Kleinen Weltlaterne geht auf den 28. Februar 1961 zurück. Damals beschloss die Kneipenwirtin, Künstlermutter und Managerin Hertha Fiedler ihre gemütliche Kneipe in Berlin-Kreuzberg in Kleine Weltlaterne umzubenennen. Zunächst wurde die Kneipe zu einem Treffpunkt und Ausstellungsort Kreuzberger Künstler, die zwischen naiver Malerei und fantastischem Realismus anzusiedeln waren.

Unter den ersten bildenden Künstlern, die Hertha Fiedler unter ihre Fittiche genommen und ausgestellt hatte, gehörten Peter Sauernheimer, Hermann Weitemeier, Kurt und Willi Mühlenhaupt und Günther Bruno Fuchs. Auch der Bildhauer Wilhelm Grzimek war bei Herta Fiedler mit Werken vertreten. Nach den bildenden Künstlern kamen auch die Schriftsteller in Herta Fiedlers gute Stube, so auch Günter Grass und Ulf Miehe. Bisweilen mussten sie auf dem Tresen Platz nehmen, um ihre Texte vortragen zu können, so übervoll war Hertha Fiedlers Kneipe an manchen Abenden.

Es gab Abende, an denen auch der Schauspieler Curd Jürgens nebst Gattin oder die Schriftsteller Henry Miller und Friedrich Dürrenmatt während eines Berlinbesuchs in den Bann der kleinen Weltlaterne gerieten. Dass Andreas Baader vor seiner Zeit in der RAF mal unsanft aus der Kneipe geworfen wurde, weil er sich daneben benommen hatte, gehört zu den unzähligen Geschichten , die sich um die kleine Weltlaterne ranken.

Domizil Nestorstraße 22

Auch nach dem Umzug von Kreuzberg nach Wilmersdorf gilt: „Wer hier trinkt, um zu vergessen, sollte vorher bezahlen“. Zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos der „Berliner Prominenz“ schmücken die Wände der Traditionskneipe, die nun in der Nestorstraße fast jeden Abend ab 20 Uhr die Gäste begrüßt. Hier und da entdeckt man einen Schröder-Sonnenstern in funkelndem Rahmen. Berliner Künstler nutzen die Kneipe immer noch als Ausstellungsraum, auch wenn Hertha Fiedler nicht mehr unter uns weilt und ihr Sohn Bernd fast jeden Abend „das Lichtlein der kleinen Weltlaterne anzündet“. Berliner Künstler zeigten hier so wie Helmut Thomheiser „Farben und Formen“, wie Gerhard Tenzer Gemaltes und Gezeichnetes, wie Hans-Dieter Tafelski Bilder aus zwei Jahrzehnten oder wie Uwe Tabatt Surreales und poetischen Realismus.

Zweimal in der Woche, nämlich donnerstags und samstags, treffen sich Freude von Dixieland und New Orleans Jazz in der kleinen Weltlaterne. Ab und an hat der eine oder andere auch den Blues, wenn er in der Nestorstraße einkehrt. Zu den Bands, die in der kleinen Weltlaterne Hot Jazz, Bluegrass und Blues oder Jazz im Geiste von Sidney Bechet gespielt haben und das Publikum der kleinen Weltlaterne damit bestens unterhielten, gehörten die Jazzotic Five, Roger& The Evolution oder das Wedding Skiffle Orchestra. Kein verkopfter, sondern swingender Jazz ist das, was man beim Besuch der Traditionskneipe erwarten darf. Ob „All of me“, „Where am I“, „Roses of Picardy“ oder „Francis Blues“ erklingen, hängt davon ab, wer sich auf dem engen Podium zusammengefunden hat. Bei einem Auftritt von Sidney's Blues, der Band um den Sopransaxofonisten und Klarinettisten Jürgen Stephan, kann man sicher sein, dass diese Kompositionen zu hören sind, hat sich Stephan doch ganz und gar dem Werk von Sidney Bechet verschrieben. „Wenn man Klarinette spielt, kommt man um Sidney nicht herum“, meinte er auf meine Nachfrage bei meinem Besuch der kleinen Weltlaterne.

Ein Abend mit Sidney Bechet

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Der kreative Kopf Sidney Bechet, der der Nachwelt Stücke wie „Dans les Rues d'Antibes“, „Blue Horizon“, „Francis Blues“ und „Petite Fleur“ hinterlassen hat, ist seit mehr als fünf Jahrzehnten nicht mehr unter uns. Doch die Musik Bechets lebt weiter. Dass Bechet die größten Erfolge seiner Karriere nicht in den USA, sondern in Frankreich verzeichnete, lag daran, dass er aus den USA dorthin emigrierte. Der Rassenhass in den Staaten war in den 1950er und 1960er Jahren an der Tagesordnung. In Europa hingegen schätzte man Bechet Musik und verehrte den Sopransaxofonisten und Klarinettisten sehr.

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Schon früh in seiner Musikerkarriere hatte sich der Klarinettist und Sopransaxofonist Jürgen Stephan dem New-Orleans-Jazz à la Bechet verschrieben. Er gründete Sidney's Blues und spielte unter anderem mit Daniel Barda und Olivier Lancelot Bechet-Titel ein, aber nicht nur Titel von Bechet, sondern auch Django Reinhardts „Nuages“ sowie den „St. Louis Blues“ von Handy. Auf den Bühnen in Berlin und anderswo steht er gemeinsam mit dem Schlagzeuger Roger Radatz, der einst in New Orleans Louis Nelson, Kid Thomas, Willie & Percy Humphrey, sowie die Schlagzeuger Cie Frazier, Louis Barbarin, Chester Jones und vor allem Freddie Kohlman kennenlernte, und mit dem Schlagzeuger Joachim Dette, der sich u. a. einen Namen in der Berliner Bebop-Szene gemacht hat und sowohl zur Combo Roger & The Evolution als auch seit einiger Zeit zur Besetzung von Sidney's Blues gehört. 

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An der Posaune erlebt man Cordes Hauer. Beim Konzert in der kleinen Weltlaterne verstand es der Göttinger Pianist Gregor Kilian, mit seinem rollenden Bass der linken Hand zu überzeugen. Ja, Ragtime und Boogie – das ist die Welt von Gregor Kilian, was er auch bei seinen Solos meisterlich unter Beweis stellte.

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Die Musik von Bechet, Hardy oder Nelson, die die Band spielt, swingt. Sie ist nicht kopflastig. Im Gegenteil, sie geht in Beine und Glieder. Es ist angesichts der modernen Strömungen des Jazz schon erstaunlich, dass sich New Orleans Jazz und Dixieland-Jazz ungebrochenen Zuspruchs erfreuen. Festivals, die sich nur dieser Musik widmen, finden alljährlich in Plön und Dresden statt.

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In der kleinen Weltlaterne hat diese Art des Jazz auch Tradition. Blickt man sich unter den anwesenden Gästen um, dann ist die Generation 65plus deutlich in der Mehrheit. Sie lauschen dann Titeln, die an die französische Riviera entführen, und wie „All of me“(Gerald Marks / Seymour Simon) swingen, wenn Gregor Kilian am Piano die Melodie anspielt und dann Klarinette und Posaune das übrige dazu beitragen, dass Jazz aus den 1920er bis 1950er Jahren sich voll entfalten kann. „Just one of those things“ von Cole Porter ist die Gelegenheit für Gregor Kilian die „Basstasten rollen zu lassen“. Den Takt gibt dazu Roger am Schlagzeug vor, während Jürgen Stephan seine Klarinette jubilieren lässt.

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Eng ist es auf der Bühne, auf der im Laufe des Konzerts auch der Bassist Joachim Dette seinen Platz gefunden hat. Wenn er seinen Tieftöner in Schwingungen bringt, meint man, nun mische sich auch ein Hauch von Rockabilly in den Oldtime-Jazz. Bluesig geht es beim Stück „Sidney's Wedding Day“ zu. Dabei scheinen Posaune und Klarinette streckenweise im Duett den Freudentag zu besingen, ehe die Klarinette dann zum Furioso ansetzt und Gregor Kilian dem Piano einen flotten Boogie entlockt. Zu Gehör geben Jürgen Stephan und seine Mannen auch „Roses of Picardy“. Ragtime trift bei „Carolina Shout“ auf Boogie, „walking bass“ auf „stride style“, als Gregor Kilian die Bühne für sich hat. Jelly Roll Morton wurde beim „Original Jelly Old Blues“ nach Berlin-Wilmersdorf geholt, wo New Orleans an diesem Abend ganz nahe war. Bei einem „Gassenhauer“ wie „Oh, when the Saints goes marchin' in“, wirbelte Roger Radatz zwischen seinen Becken und Trommeln, was das Zeug hergab. Mit „Once in a while“ war der Abend noch nicht beendet. Bluesig-getragen erlebten wir die Posaune, die Cordes Hauer spielte. Getragen vom Applaus der Gäste endete das Konzert mit weiteren Titeln rund um Mitternacht – und Sidney Bechet war irgendwie auch dabei.

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Informationen

Die kleine Weltlaterne
Nestorstr. 22
10709 Berlin-Wilmersdorf, außer So ab 20 Uhr
www.diekleineweltlaterne.de

Musiker

Gregor Kilian
www.gregor-kilian.de/7.html

Sidney's Blues
http://www.sidneys-blues.de/

Joachim Dette
http://www.joachim-dette.de/

Roger Radatz
http://www.roger-evolution.de/

 


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