Michael Jaeger Kerouac im cuba

Münster, 16/04/2015

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Es ist Donnerstagabend und in der Black Box im cuba sind vier Musiker aus der Schweiz zu Gast. Das Kollektiv rund um den Saxofonisten und Klarinettisten Michael Jaeger (ts, cl) besteht aus Vincent Membrez (p), Luca Sisera (b) und Norbert Pfammatter (dr).
Der Sound der Combo wird zwischen Existenzialismus und Tanzmusik angesiedelt, so liest man es zumindest auf der Homepage des Bandleaders Michael Jaeger. Jazz und Tanzmusik – ist das nicht eine sehr gewagte Melange? Nein, erinnern wir und doch an die Wurzeln des heutigen Jazz, den Swing, beliebt und tanzbar zu seiner Zeit. Zudem feiert der Swing inzwischen eine Wiederauferstehung, und man trifft sich in einer wachsenden Gemeinde zum Swing, um das Tanzbein zu schwingen. Dabei schwingt gewiss auch ein Moment Nostalgie mit, oder? Doch gemach, auch wenn Michael Jaeger Klarinette spielt, so darf man weder Klezmer, Balkanova noch Swing im Geiste von Benny Goodman erwarten. Kerouac ist eben anders.

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Der Bandname hat nichts mit dem franko-kanadischen Schriftsteller der Beatnik-Generation Jack Kerouac zu tun, der mit „On the Road“ ein Stück Literatur schrieb, die für eine Generation von Blumenkindern und Babyboomern steht. „Kerouac“ ist aber auch ein Stück von Dizzy Gillespie, den Michael Jaeger überaus schätzt. Ihm, aber auch anderen Titanen des Jazz wie Charlie Parker ist es überhaupt zu verdanken, dass sich Michael Jaeger dem Jazz verschrieben hat.

Mit ihrer dritten CD „Dance Around in Your Bones" (Intakt Records) sorgt Michael Jaeger KEROUAC nun erneut für Furore: In der pulsierenden offenen und auch gebundenen Musik des 4tetts steckt die Freiheit des Jazz der 1960er Jahre ebenso wie das Kollektivbewusstsein des frühen 21. Jahrhunderts, so die Selbstdarstellung der Band.

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Doch nun Vorhang auf in der Black Box: Mit einem Knall, nämlich mit „Bang“, einem Titel aus der ersten CD der Band begann der Abend. Aufmerksames Zuhören war gefragt. Die Strukturen des Stücks lagen nicht einfach so auf der Hand, sie mussten entdeckt werden. Dabei wechselte Improvisiertes mit Gebundenem, ließ sich auch die Melodie im Gewirr des Improvisierten ausmachen. Doch das geschah nur dann, wenn man sich ums genaue Zuhören bemühte. Erklang da nicht der Ruf des Türmers, als Michael Jaeger sein Tenorsaxofon ins Schwingen brachte? Welche Kunde verbreitete sich mit dem Solo des Saxofonisten, der das Stück einleitete? Tonige Vibrationen und leichte Windstöße drangen an das Ohr der Zuhörer. Auch sprunghafte Tonfolgen und ein An- und Abschwellen des Klangs konnte man wahrnehmen.

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Nach dem Solo stieß dann die Rhythmusgruppe dazu und vervollkommnete den „Knall“. Klappernd ließ sich das Schlagwerk auf den großen Knall ein. Auch der Korpus von kleiner Trommel und Snare wurde in das Spiel mit dem Stock einbezogen. Derweil ging das Saxofon mit seinen Tonschritten weiter voran. Gestrichen wurde der Bass und in Halbschritten begleitete der Pianist das Geschehen. Tacktacktacktack, so äußerte sich auch weiterhin der Schlagzeuger, der hin und wieder die Basstrommel energisch trat. Plinkplinkplinkplink – der Flügel lieferte auch seinen Beitrag zum „Bang“. Irgendwie schien der Zuhörer angesichts der Musik ins Getöse der Großstadt verstrickt. War da nicht auch irgendwie Hanns Eisler mit seinen Kompositionen in der Black Box präsent?

Schloss man die Augen und lauschte weiterhin, dann meinte man, eine Menschenmenge, die gerade noch zusammengestanden habe, löse sich nach dem großen Knall auf. Das Inferno bahnte sich an. Die Großstadt schien, jedenfalls akustisch, aus den Fugen zu geraten, wenn man den „Tastenfluchten“ zuhörte und auch ein Ohr für den Rest der Rhythmusgruppe hatte. Hm, nun auch noch Nat und Cannonball revisited für einen sehr kurzen Moment? Geschrieben wurde der Song übrigens in Jena, so Michael Jaeger, 2005, nicht ganz New Orleans Jazz, aber alt.

drums Kerouac-DSC0000drums Kerouac-DSC08301drums Kerouac-DSC08338Fast wie aus dem Off an unser Ohr dringend, so begann dann die Komposition „Outdoors“ von der zweiten CD des 4tets. Rasseln kreisten, Schlegel tippten die Glocke des Schlagwerks an. Lang gezogene Töne entlockte Michael Jaeger seinem Holzbläser. Kurz waren die Schläge auf dem Messingblech, derweil Schnalzgeräusche den Raum füllten. Gezupfte und gezogene Töne rang Luca Sisera seinem Dickbäucher ab. Mit ganz feinen Schlaghölzchen strich der Schlagzeuger Norbert Pfammatter über Bleche und stark gespannte Felle: Klack, Klack, Klack und dazu noch zartes Glockenschellen, hinzu kam eine Rassel, die über Blech gewischt wurde. Röhrend machte sich anschließend das Saxofon bemerkbar. Das Ende kam dann nicht mit einem Paukenschlag, aber sehr unerwartet. Die Zeit unter freiem Himmel war vorbei.

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Mit „x+lan“ verneigte sich das 4tet vor Juan Castaneda und seinem Werk „Journey to Ixtlan: The Lessons of Don Juan“. Hätte man vor dem Konzert in diesem Werk wohl lesen sollen, um die Musik, die man nun hörte, besser zu verstehen? Vielleicht aber gibt es gar keine direkte Linie von Castaneda zu Kerouac. Gewiss war, dass Vincent Membrez eine sehr starke Basslinie auf seinem Flügel spielte. In diese Basslinie fiel dann Luca Sisera mit seinem Tieftöner noch ein. Als man das Saxofon vernahm, meinte man der Klang entführe uns in eine unendliche Weite, die Weite der Prärie oder die Weite des norwegischen Fjells. Voller Elan spielte Vincent Membrez seine Phrasierungen, und es fühlte sich so an, als ob man mit ihm in einem Flugdrachen über das Fjell gleiten und den Sonnenuntergang erleben würde. Balladenhaft und zudem ein wenig romantisch erschien das Stück „Mondsichel“, ohne an Johannes Brahms „Der Mond ist ...“ anzuknüpfen. Sehr hörenswert war das Duett von Saxofon und Klavier, mit dem das Stück, das in Bern entstanden war, so Michael Jaeger, eröffnete. War da nicht auch ein Hauch von Blues zu verspüren, als sich das Stück weiterentwickelte?

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Nach der Pause stellte die Band die Komposition „Apfelklappe“ vor. „Apfelklappe“ ist ein Wort, das es überhaupt nicht gibt, auch nicht im Schwyzerdütsch. Doch mit Schwyzerdütsch experimentierte Michael Jaeger in einer Art Dada-Lyrik, die er dann für Klarinette umsetzte. Angenehm war es, dass man ein stilistisch sehr skurriles Stück hörte, aber nicht Balkanova oder Swing, nur weil eine Klarinette zum „Leitinstrument“ des 4tets avancierte.

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Herbststimmung verspürte man als Zuhörer, als „Manitoba“, eine Komposition von Vincent Membrez, erklang. Man konnte die tanzenden bunten Blätter sehen, den säuselnden Wind hören, der auffrischte. Elegisch ist wohl die beste Charakterisierung für die Passagen, die Michael Jaeger auf der Klarinette spielte.

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Musik muss Zauber sein, so hatte es mir Michael Jaeger erläutert, als ich ihn nach den Wurzeln seiner Musik und nach seinen Kompositionen befragte. Musik soll auch noch Geheimnisse in sich bergen, die man nicht alle verbal aufhellen sollte, fügte Jaeger im Nachgang hin zu. Das galt selbstredend auch für „We shouldn't forget the spell“. Sehr getragen, fast ein wenig ins Choralhafte abgleitend, so erschien „Gate“. Doch mit „Dance around in your bones“ flammte noch einmal starker Groove und auch ein wenig Funk auf, zumindest erschien die Nummer sehr funky, funky, funky, und die Füße konnte der eine oder andere beim Zuhören nicht mehr stillhalten. Mit „Tanz“ als Zugabe endete der sehr gelungene Abend mit anspruchsvollem Jazz jenseits sehr eingängiger Harmonie- und Melodieschemata – und das war gut so.

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Musik ist zwar eine sehr emotionale Angelegenheit, aber auch Kopfarbeit. Nur darf diese nicht zur Last werden. Man darf gespannt sein, wie das Projekt „Kerouac“ sich weiter entwickeln wird. Ganz gewiss ist jedoch, dass Gegenwartsjazz in Europa nur so oder so ähnlich strukturiert sein und zwischen Improvisationen, freiem und gebundenem Spiel oszillieren sollte.

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© fotos und text ferdinand dupuis-panther

Informationen

cuba/Black Box

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Do. 07. Mai : Initiative Improvisierte Musik: IMPRO-Treff Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Fr. 08. Mai : Gastspiel-Musikhochschule: Music Spoken Here Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Fr. 15. Mai : JazzToday: Katrin Scherer's MOMENTUM Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Mi. 20. Mai : Jazz Today: Jan Klare - Shahzad Ismaily - Alex Schwers Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Sa. 23. Mai: JazzToday: ATTIKA Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
So. 31.05.15 STAGE off LIMITS: Butcher – de Joode – Blume Zeit: 20:00, Ort: BLACK Box
Do. 04. Juni: Initiative Improvisierte Musik: IMPRO-Treff Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
So. 06. Sept.: SOUNDTRIPS NRW: Peter Evans & Sam Pluta Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
So. 04. Okt.: SOUNDTRIPS NR: TJONG POW Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Mi. 28.10.15 JazzToday: Generations Quartet feat. Oliver Lake Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
So. 06. Dez.: SOUNDTRIPS NRW: Mia Zabelka Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX

Musiker

Michael Jäger
http://www.michaeljaeger.ch/de/michael-jaeger-kerouac/about

Vincent Membrez
http://www.vincentmembrez.ch/index.php?page=news

Luca Sisera
http://lucasisera.com/

Norbert Pfammatter
http://www.norbertpfammatter.com/de/biography/

 


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