STEYR JAZZFESTIVAL 2015 - TAG 3 & 4

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Ein Rückblick auf das Steyr Jazzfestival 2015 – West meets East #2

 

Tag 3

 

Vid Jamnik Quartet - aus Slowenien an die Enns

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Eröffnet wurde der Abend mit der Band des blutjungen, aus Slowenien stammenden und zurzeit am Berklee College of Music in Boston studierenden Vibrafonisten Vid Jamnik. Das Vibrafon ist in der Geschichte des Jazz ein eher selten gespieltes Instrument, das mit Fug und Recht auch zu den Schlagwerken gezählt wird. Gary Burton, Milt Jackson, Dave Pike und in Deutschland Wolfgang Schlüter – das sind nur einige „Jazzheroen“, die sich dem Vibrafon verschrieben hatten und bis heute haben.
Zur Band von Vid gehören der Schlagzeuger Bernd Reiter, der Gitarrist Stane Hebar und der Bassist Luka Gaiser. Als Gast trat der us-amerikanische Trompeter und Flügelhornist Jim Rotondi auf. Im Gegensatz zum bei alessa records erschienenen Debütalbum überwog beim Konzert der Anteil der Eigenkomposition.

Vid-Jamnik-feat-Jim-RotondiDSC03108Vid-JamnikDSC03075Von „Mary Anne“ über „Last Minute“ bis hin zu „Cheesecake“ – eine Zugabe und Verneigung vor Dexter Gordon – reichte das musikalische Jazzbouquet von Vid Jamnik und Co. Vibrafon und Gitarre sorgten für anhaltendes „Ohrschmeicheln“. Dabei war nicht zu überhören, dass der Schlagzeuger Bernd Reiter hier und da schon forsch und vorwärtstreibend spielte. Überaus überzeugend war an diesem Abend Jim Rotondi an Flügelhorn und Trompete.
Mit „Mary Anne“ machte das Quartett auf, in dem sich Bernd Reiter als wahrer Berserker am Schlagzeug erwies. Sein energiegeladenes Schlagzeugspiel war auch bei weiteren Stücken teilweise atemberaubend, und man hatte während des Abends gelegentlich den Eindruck, dass Vid Jamnik und seine beiden slowenischen Mitjazzer nicht so genau wussten, wie lange derartige Solos wohl andauern würden. Doch stets hatte Bernd Reiter ein Einsehen und Bass, Gitarre sowie Vibrafon kamen zu ihrem Recht.
Bei Jim Rotondis Intermezzos konnte man schnell wahrnehmen, dass Miles nicht das Non plus ultra in Sachen Trompete ist. Miles lebte für einen speziellen Sound und hatte seine Zeit, aber heute ist eben heute. Zum Hier und Heute gehört neben Randy Brecker auch Jim Rotondi und, wie sich das sachkundige Publikum im Laufe des Abends noch überzeugen konnte, auch Lorenz Raab. Klar und prägnant spielte Rotondi seine Solos, immer dabei auch darauf bedacht, sich nicht allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Hier und da gab er jedoch wie ein Bandleader auch Zeichen für die erforderlichen Einsätze.

Vid-Jamnik-feat-Jim-RotondiDSC03093Vid-Jamnik-feat-Jim-RotondiDSC03129Vid-JamnikDSC03068Bei dem Stück „Serpentine Pass“ ließ die Trompete ihre glockenhelle Stimme weithin erschallen. Dezent im Hintergrund ging das Schlagzeug seinen Weg und das Vibrafon schwieg für eine Weile. Folgte man den Phrasierungen von Jim Rotondi, so bekam man den Eindruck eines schwierigen Aufstiegs zum Pass. Mit viel weniger Energie und mit Leichtigkeit ging dagegen Vid Jamnik zu Werke. Ergänzend zu zahlreichen Gitarrenriffs signalisierte die Trompete schließlich „Alarm, Alarm!“, aber das fand keinen Nachhall. Insgesamt war der Melodiefluss überaus eingängig, ohne gleich das Zeug zum Evergreen zu haben. Zu hören waren außerdem weitere Eigenkompositionen wie „Song For My Brother“.
Straight ahead Jazz begeisterte die Jazzfreunde, die sehr zahlreich den Weg ins Alte Theater gefunden hatten. Der Liveauftritt war um Meilen besser als die Einspielung des Albums „Last Minute“, das eben konsequent durchorganisiert ist. Bei derartigen Studioaufnahmen ist nicht der Raum dafür gegeben, dass sich die Musiker ausbreiten, so wie Bernd Reiter mit seinen „Schlagwerkeskapaden“ beim Konzert.

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Informationen
Vid Jamnik
http://www.vidjamnik.com
Audio
http://www.vidjamnik.com/#!music/c1pd9
CD-Besprechung Last Minute
http://www.jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=262&Itemid=185st Minute

 

Zwischen Klassik und Volksweisen im Duett

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Nach dem Feuerwerk auf dem Vibrafon, dem Schlagzeug und der Trompete hieß es dann, sich auf ganz anderes Tongemenge einzustellen: Es trafen sich nämlich ein aus Vorarlberg stammender Pianist mit keckem Häkelmützchen und der Solo-Trompeter an der Volksoper Wien. Sprich, es trafen sich David Helbock und Lorenz Raab zum gemeinsamen Musizieren. Mal bedächtig, mal laut war das Spiel, intim das Zusammenspiel, das ohne Rhythmusgruppe auskam und rein akustisch verpackt war. Voller Spielwitz ging das Duo ans Werk. Nein, verzwickten, kopfigen Free Jazz boten uns die beiden nicht. Im Gegenteil, die Zuhörer wurden mit dem „Kupelwieser Walzer“ sogar in die Klassik entführt und als Zugabe, gab es dann obendrein Prince zu hören, nicht leibhaftig, aber in David Helbocks ganz eigener Spielart der Musik eines sich stets neu erfindenden Popstars.

David-HelbockDSC03182Lorenz-RaabDSC03204Gekonnte Eingriffe ins Saitenwerk des Flügels, gedämpfte Tonsprünge, langes Jubilieren der Trompete, Basslinie der linken Hand, melodiöse Sequenzen, ein zarter Hauch von Pop, ein akzentuierter Spielduktus bei David Helbock, starke Rhythmisierung und eine Trompete, der Lorenz Raab den Sound eines Flügelhorns einhauchte – all das machte die von Helbock/Raab präsentierte Musik aus.
David Helbock, der ein gewissenhafter und sehr fleißiger Komponist ist, ist der Titel „29.3.2009“ zu verdanken. Zu diesem Stück bemerkte Lorenz Raab, dass David so viel komponiere, dass er selbst nicht mehr nachkomme. Dass die beiden überaus vielseitigen Musiker wenig Berührungsängste zu anderen Genres als Jazz haben, bewiesen sie nicht nur mit der Wahl des oben genannten Walzers aus der Feder von Franz Schubert, sondern auch bei der kleinen Suite, die sich an Vorarlberger Volksweisen anlehnt. So hörten wir in diesem unterhaltsamen Konzert „Am Voralberg Blues“, „Am Berg“ und „Brunella“, eigentliche eine Alpenblume, aber in Vorarlberg auch die Bezeichnung für eine schöne Frau, wie David Helbock anmerkte.
Mal meinte man die Melodie eines Kinderliedes auszumachen, mal auch eines Kirchenliedes, als das Duo ihre kleine Geschichte, sprich „Little Story“ (Lorenz Raab) vortrug. Danach folgte die bereits angesprochene Suite, bei der Anklänge an Ragtime und Boogie nicht von der Hand zu weisen waren. Irgendwie traute man seinen Ohren nicht, als Lorenz Raab schließlich anfing, auf der Trompete zu schmatzen, Wind zu blasen, zu schnalzen und anderen Geräuschzauber zu verbreiten. Zugleich wähnten wir uns angesichts der griffigen Melodielinien auf einem Heimatabend mit Blasmusik.

david-helbockDSC03185Lorenz-RaabDSC03205Folgte man den Harmonien und der Melodie im Stück „14.8.2009“ dann dachte man unwillkürlich an Chaos, Unruhe, Verkehrsstau, Eisregen, Katastrophe. Zugleich aber schienen auch Kompositionen von Hanns Eisler nicht fern, drängten sich Filmmusiken für „Kuhle Wampe“ und „Lichter der Großstadt“ auf. Auch für eine Neuvertonung des legendären Stummfilms „Panzerkreuzer Potemkin“ schienen David Helbocks „musikalische Tagebuchnotizen“ zu passen. Nach all der „vertonten Aufregung“ folgte als Zugabe eine Bearbeitung eines Prince-Titels. Wer sich einen erneuten Hörgenuss gönnen wollte, war nach dem Konzert gut beraten, das Album „What’s next? I don’t know“, erschienen bei Session Work Records, zu erstehen.

Informationen

David Helbock
http://www.davidhelbock.com/main.php?pid=2&x=59&l=0
http://www.youtube.com/user/davidhelbock
https://www.youtube.com/watch?v=t0Z1MnJZ9Ts
Lorenz Raab
http://lorenzraab.at
Interview mit David Helbock
http://www.jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=219&Itemid=145
CD-Besprechungen
David Helbocks Random/Control: Think of Two
http://jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=280&Itemid=227
David Helbock: Purple
http://jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=299&Itemid=246
Audio
Kupelwieser Walzer
https://www.youtube.com/watch?v=YfHMH3q1tjY

 

Schnee-Eule – oder wer?

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Der Abschluss des Abends gehörte dem aus Kolumbien stammenden E-Kontrabassgitarristen und Komponisten Juan Garcia Herreros aka Snow Owl. Unter den Fittichen der „Schnee“-Eule enteilten wir in die Welt von Rock, Weltmusik und Fusion. Auf der Reise begleiteten uns Juan Garcia Herreros (Contra Bass Guitar), Nikola Stanosevic (piano), Stoyan Yankoulov ( drums), Jeremy Powell (saxophone), Verena Berg ( vocals/keyboards) und Alejandra María (violine).

snow-owlDSC03231snow-owlDSC03244snow-owlDSC03235snow-owlDSC03255Wer es laut und rockig mochte, der kam auf seine Kosten. Wer die Klangnuancen suchte, der wurde auf die eine oder andere Art schon enttäuscht. Der aus Bulgarien stammende Schlagzeuger drangsalierte Felle und Becken derart, dass die tonalen Passagen des aus Serbien gebürtigen E-Pianisten über weite Strecke im Schwall des Schlagwerks untergingen. Satt waren die Bassläufe, die Juan Garcia Herreros hinlegte. Dann vibrierte nicht nur der Bühnenraum. Auch Jeremy Powell schien nicht immer mit seinen Holzbläsern Gehör zu finden. Bisweilen breitete sich im Alten Theater ein undifferenziert erscheinender Klangbrei aus.
Laut ist nicht immer gut, leise notwendigerweise auch nicht, aber die Klangbalance fehlte leider beim Konzert über weite Strecken. Zum Besten gab „Snow Owl“, so der Künstlername von Herreros, der zugleich sein „spiritueller Name“ und der Name des Bandprojekts ist, einige Kompositionen, die auf dem Album „Normas“ zu finden sind, so auch „Huellas“. Zudem entführte er uns nach Schottland und bot uns keltische Musik mit flinkem Fingerspiel auf der tieftönigen Gitarre. Dazu erzählte Herreros, dass seine Liebe zu keltischer Musik daher stamme, dass er einige Jahre als Jugendlicher in einer Dudelsackkapelle in Florida gespielt habe. Zunächst sei ihm aber das Anlegen eines Schottenrocks sehr suspekt gewesen. „Hej, ich bin schließlich Kolumbianer“, so Herreros und jeder verstand den Fingerzeig. Doch die Liebe zur Musik blieb und so verwandelte sich in Steyr die Bühne zu einer „Tanzbühne“, auch wenn kein Reel mit Stakkatoschritten hingelegt wurde.

snow-owlDSC03207Wir hörten während des Abends exotisches Vogelgezwitscher und Dschungelsound, die eingespielt wurden, und zudem verwandelte sich der Bass streckenweise in eine fein gestimmte Jazzgitarre, dank sei dem elektronischen „Tischlein deck dich“, auf das Musiker heute Zugriff haben. Bisweilen kam Herreros mit seinem Bass allerdings auch so daher, dass man dachte, Jack Bruce und die seligen Zeiten von Cream seien längst nicht vorüber.
Keine Frage, Herreros beherrscht sein Instrument mit allem Zipp und Zapp. Doch der Versuch, eine Studioproduktion auf die Bühne zu bringen, schien mir wenig geglückt, auch wenn das Publikum immer wieder frenetischen Beifall spendete. „Balkanpop“ gab es auch – und dabei gerieten die Zuhörer völlig aus dem Häuschen. Geschuldet war das u. a. dem bulgarischen Schlagzeuger Stoyan Yankoulov, der auf der bulgarischen Trommel ein fulminantes Solo hinlegte.

snow-owlDSC03268Bei diesem Abendkonzert fehlte es m. E. an einem „roten Jazz-Faden“. Nur hier und da blitzten Ansätze von Improvisationen auf, insbesondere wenn Jeremy Powell mal das Wort führen durfte und Snow Owl seinen Bass nach allen Regeln der Kunst zum Schwingen brachte. Ansonsten hörte man überwiegend abgezirkelte Stücke, die man mochte oder aber eben nicht.

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Informationen
Snow Owl
http://www.the-snow-owl.com/
Jeremy Powell
http://jeremy-powell.com/
CD-Besprechung Normas
http://www.jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=325&Itemid=275

 

Tag 4:

ThomasCasalicchio-TrioDSC03294Und zum Ausklang des diesjährigen Festivals erlebten die Jazzfreunde einen leckeren Jazzbrunch im Schwechaterhof. Für die „Freunde der gehobenen Unterhaltungsmusik“ spielte das italienisch-brasilianisch-österreichische Thomas Casalicchio Trio auf. An der Gitarre hörten wir Thomas Casalicchio, am Bass Vinicius Cajabo und am Schlagwerk Hubert Bründlmayer. Dass Miles nicht allein nach Miles klingen kann, bewies das Trio mit der Bearbeitung von „All Blues“ und „Nardis“. Oscar Peterson schaute kurz vorbei, als „Have You Met Miss Jones“ anklang. Der Jazz-Gigant Thelonious Monk fehlte im Repertoire des Trios auch nicht, und so spielten die Drei am späten Vormittag mit Blick auf die Enns Monks „Pannonica“.

Thomas-Casalicchio-TrioDSC03287Thomas-Casalicchio-TrioDSC03288Thomas-Casalicchio-TrioDSC03292Im Gespräch erfuhr ich, dass die drei Musiker bisher noch nie miteinander als Trio gespielt hatten. So gab es ein zartes Herantasten an die Standards, manchmal auch ein zögerliches und ein vorsichtiges. Es wurde ausprobiert und zugehört, dann das Vorgetragene aufgenommen und moduliert. Der Bassist beugte sich dicht über seinen Dickbäucher, der ihn in der Länge deutlich überragte, und spielte endlich mal einen Bass nicht allein mit der am oberen Hals platzierten linken Hand, sondern streichelte den Bauch des Tieftöners, zupfte die Saiten jenseits des Stegs, strich mit dem Bogen die Saiten quer und auch Teile des Kontrabasskorpus. Zurückhaltend agierte Hubert Bründlmayer am Schlagwerk. Thomas Casalicchio seinerseits strotzte vor Spielfreunde an seinem Saiteninstrument. Die Melange der Standards in einem neu gewebten Kleid - besonders dank des virtuosen Gitarristen Thomas Casalicchio - bildete einen gelungen Ausklang des 9. Steyrer Jazzfestivals.

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Jeder Jazzfreund, der in Steyr das Festival erlebte, fragte sich, was es denn im nächsten Jahr geben wird, wenn ein zehnter Geburtstag zu feiern ist. Wieder so einen Leckerbissen wie Randy Brecker? Lassen wir uns überraschen. Klar ist jedoch, dass Peter Guschelbauer das Festival als Forum für österreichische Jazzer begreift und diese auch in Zukunft bevorzugt auf die Bühne des Alten Theater bringen wird, wie er mir in einem Gespräch bestätigte. Also schon jetzt mal für das nächste Jahr vormerken: 17.-20. März 2016 - das 10. Steyr Jazzfestival!

Informationen

http://www.jazzfestival-steyr.at/

© Text und Fotos: ferdinand dupuis-panther

 


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