NRW meets Far East oder die Frage nach der Melodie im LWL Museum für Kunst und Kultur

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An jedem zweiten Freitag kann das vor einigen Monaten eröffnete LWL Museum für Kunst und Kultur bei freiem Eintritt bis 22 Uhr besucht werden. Zugleich finden Führungen durch das Haus und im Auditorium oder Foyer Veranstaltungen statt, so wie auch am Freitag, den 13. März. An diesem Tag trafen Musiker aus NRW auf Musiker aus Fernost, aus China und aus Burma (Myanmar).
„What is this melody“ lautete die Frage, die sie beschäftigte. Gemeinsam beantworteten Xu Fengxia (Sanxian, Ghuzeng, voc), Hein Tint (Pat Waing - diatonischer Trommelkreis), Jan Klare (sax, flute) und Tim Isfort (bass) die Suche nach der Melodie, jeder auf seine Weise und aus seinem musikalischen Verständnis heraus.
Dabei wurden die sehr zahlreich anwesenden, neugierigen Zuschauer mit Instrumenten konfrontiert, die uns eher fern sind. Der diatonische Trommelkreis existiert nur in Myanmar und besteht aus 21 zu stimmenden Trommeln, in deren Mitte Hein Tint saß und sie mit seinen „fliegenden Händen“ anschlug. Zwischendrin mussten die Trommeln immer mal wieder je nach der anzustimmenden Melodie gestimmt und auch geschmeidig gemacht werden. Ursprünglich benutzte man dazu eine Art Reispaste, wie der Projektleiter und Bassist Tim Isfort in einer der Pausen zwischen den Stücken erläuterte. Heute greift man auf eine Substanz zurück, die man aus der Luftraumfahrt kennt.
Xu Fengxia, Spezialistin chinesischer Saiteninstrumente und Sängerin, war an der chinesischen Langhalslaute wie auch an der bogenförmig geformten chinesischen Zither zu hören, deren Klang sehr stark an eine Harfe erinnert.

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Exotische Musikinstrumente aus Fernost

Da einige der Instrumente hierzulande nicht geläufig sind, bedürfen sie der kurzen Beschreibung: Die dreisaitige, bundlose Laute mit langem Griffbrett, von Xu Fengxia gespielt, besitzt einen Resonanzkörper, der üblicherweise mit Schlangenhaut bespannt ist. Den Klang dieses Saiteninstruments kann man, so Jan Klare in seinen einführenden Worten, mit einem Banjo vergleichen, auch wenn beide Instrumente auf ganz unterschiedliche Weise gespielt werden. Die ist natürlich auch den jeweiligen Kompositionen geschuldet. Das Banjo beispielsweise ist ein Instrument, das typisch für Country und Western Music ist. Die aus Holz konstruierte chinesische Zither besitzt traditionell 18 Saiten, heute aber 21 Saiten sowie bewegliche Stege und wird mit einem Fingerplektron gespielt. Der Pat Waing besteht aus den 21 im Halbkreis angeordneten Trommeln. Diese sind an einer aus Holz geschnitzten, kreisrund aufgestellten, verzierten und vergoldeten Stellwand befestigt. In der Mitte der Trommeln agiert der Trommler, so auch Hein Tint. Der Klang der Trommel erinnert, je nachdem wie sie gestimmt sind, an ein Marimbafon oder andere Instrumente mit Klanghölzern.

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Europa trifft Asien – die Musiker

Xu Fengxia begann schon in jungen Jahren mit dem Studium Chinesischer Saiteninstrumente. Sie war vor ihrer Übersiedlung nach Deutschland – zurzeit lebt sie in Paderborn – Solistin im renommierten Shanghaier Orchester für Chinesische Musik. Bei uns wurde sie durch ihre Zusammenarbeit mit dem 2002 in New York verstorbenen Free-Jazz-Bassisten und Tubisten Peter Kowald bekannt. Sie war auch mit dem us-amerikanischen Bassisten Joe Fonda in Sachen Musik und Jazz unterwegs. Im Duo trat sie außerdem mit dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli auf. Dem Münsteraner Publikum des 17. Internationalen Jazzfestivals stellte sie sich in der Balkanova-Jazzformation vor, als dem Vasko Atanasovski Visions Ensemble die Bühne des Theater Münster gehörte. Doch neben dem egomanisch agierenden Vasko Atanasovski konnte sich die seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland beheimatete Xu Fengxia nicht wirklich einbringen und ihre musikalische Virtuosität unter Beweis stellen. Beim Konzert im LWL Museum war dies anders, da es hier um die gleichberechtigte Begegnung von Musikern unterschiedlicher Kulturkreise ging.
Übrigens: Man kann es sich heute kaum vorstellen, dass Xu Fengxia einst den E-Bass in Chinas erster Frauenrockband gespielt hat. Das ist kein Scherz!

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Hein Tint gilt in Myanmar als eine Autorität des Pat Waing. Im Zuge der Öffnung von Myanmar ist er auch in Europa mehr und mehr zu hören, da er inzwischen zeitweise in Berlin lebt.

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Tim Isfort ist Bassist und Gründer des „Tim Isfort Orchester“. Bekannt ist er zudem durch seine Arbeit als Kurator des moers festival und als Leiter des Traumzeit Festivals in Duisburg. Intensiv haben er und Jan Klare sich um den Kulturaustausch mit Myanmar bemüht und sind in den letzten Jahren mehrfach in diesem südostasiatischen Land in Sachen Musik unterwegs gewesen.

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Der Saxofonist Jan Klare, aus Hagen gebürtig, aber nun in Münster zuhause, ist, so darf man wohl sagen, eine Institution des Jazz zwischen Rhein und Ems. Ohne ihn gäbe es die Jazz-Großformation„The Dorf" nicht. Ihm war außerdem die Jazz-Reihe „Stadt meets Dorf“ zuverdanken, die im Januar 2015 im Nachklang des Internationalen Jazzfestivals stattfand.

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Die Klänge

Der interkulturelle Dialog zum Stichwort Melodie begann mit einer Komposition von Hein Tint, bei dem man seinen Ohren nicht traute. Denn was der burmesische Trommler seinen Trommeln an Klangfarben entlockte, war sehr beeindruckend. Gefolgt wurde dieses erste Stück des Abends durch eine Komposition von Jan Klare, der auf seinem Altsaxofon das Thema anstimmte und vorgab, ehe dann Xu Fengxia die wohlklingenden Saxofonpassagen aufgriff und phrasierte. Derweil trat Jan Klare in den Hintergrund und die chinesische Zither entfaltete einen Klang, der streckenweise an eine Harfe erinnerte.

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Interessant war der nachfolgende Dialog zwischen Saxofon und chinesischer Zither, der sich auf Zweitonschritte beschränkte. Teilweise entrückte die von Jan Klare gespielte Melodie für kurze Momente in den Free Jazz, um dann wieder ins Melodiöse zurückzufinden. Unterdessen agierte Tim Isfort hintergründig an seinem Bass, den er ebenso zupfte – mit dem tiefen Klongklong –, wie er ihn auch mit einem Bogen strich. Zu den sanft tönenden Trommelklängen entlockte Tim Isfort seinem Bass ab und an auch leicht heulende Töne. Marimbafonklang drang ebenso an unser Ohr, auch wenn es dieses Schlagwerk gar nicht auf der Bühne des Auditoriums gab. Nein, Hein Tint, schlug einige seiner Trommeln an, die dann wie ein Aufschlagidiofon klangen. Im Mittelpunkt der danach gespielten Improvisation stand Xu Fengxia und unterstrich, dass ihre Zither auch einem Bass das Heft aus der Hand nehmen kann, wenn es um die tiefen Töne geht. Hörten wir eigentlich stets nur einen Ton, als die Zithersaiten in Schwingungen gerieten oder gleich mehrere Tonnuancen? Letzteres war wohl der Fall, zumal die jeweiligen Töne noch nachwirkten. Als die in Paderborn lebende Musikerin ihre Stimme erklingen ließ, dachte man, man werde Zeuge einer fernöstlichen Variante von Scat Vocal. Von den Klangfarben her musste man schließen, dass der Gesang nicht Freude und Glück zum Ausdruck brachte, sondern eher Trauer und Klagen. Doch das galt unter Umständen nur für unsere ungeübten Ohren. Leider verzichtete die Musikerin auf ein paar erklärende Worte zur von ihr vorgetragenen Lyrik, wenn es denn überhaupt Lyrik und nicht lautmalerischer Gesang war. Hörte man intensiv zu, so fühlte man sich an Gesangsvorträge von Marie Boine erinnert, die in der Sprache der Samen singt – für uns gleichfalls inhaltlich unverständlich. Würde man wiedergeben, was man hörte, so klänge das etwa nach Omanebahohohongame und Horoobomeng oder so ähnlich. Als dann Jan Klare mit seinem Saxofonpart einsetzte, schlüpfte die Zither in die Rolle einer Rhythmusgeberin. „Omaje, Dingdong, Na, Honare, madehögnanayeahyeah“ nahmen wir als Gesangspartikel im Weiteren auf, während das Tempo langsam schneller wurde.

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Nach dieser Gesangseinlage hörten wir das zweite burmesische Stück des Abends, im Kern einen Dialog zwischen Saxofon und Trommeln, in den sich die Zither auch noch einmischte. Es war ein sehr kurz gefasstes Stück, wie Jan Klare vorab deutlich machte. Bei dieser Komposition zeigte sich im Übrigen der Bass sehr nervös und Tim Isfort bespielte seinen Dickbäucher mit schnellem Fingerschlag. Eine kurze Pause des Umstimmens der Trommeln nutzte Tim Isfort, um dem Publikum das burmesische Harmonieinstrument vorzustellen, ehe dann seine Komposition „Heimat“ zu hören war. Dafür wechselte Jan Klare vom Altsaxofon zur Querflöte. Überaus interessant war Isforts Anmerkung, dass man mit den Trommeln alles spielen könne; Chromatisches, Pentatonik, Klassik und Jazz. Jedenfalls habe man beim Zusammenspiel Hein Tint bisher nicht an seine Grenzen als Musiker gebracht. Allerdings verstehe man eben Melodie auf ganz unterschiedliche Weise.

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Nachdem Xu Fengxia ihre Zither beiseitegelegt hatte, griff sie zur Langhalslaute. Mit einem Lachen hob sie das Instrument in die Luft und fragte scherzend ins Publikum, ob man denn die Schlangenhaut sehe. Rasch fügte sie hinzu, dass die Schlangenhaut ihres Instruments eine „echte Fälschung“ sei. Dass man auf dieser Laute klanglich auch einen Ritt durch die mongolische Steppe unternehmen kann, hörte das aufmerksam zuhörende Publikum am Ende des Konzertabends. Fürwahr man vernahm laut und deutlich die Hufschläge der Pferde in einem Stück, das Xu Fengxia mit den Worten „Blauer Himmel, weiße Wolken, grünes Grasland“ ankündigte. Eine Zugabe gab es obendrein. Das Publikum dankte es mit überschwänglichem Applaus.

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Dass ein solches Konzert wie im LWL Museum für Kunst überhaupt möglich war, ist, darauf verwies Jan Klare bei seinem Dank für die Veranstaltung, war ganz wesentlich dem NRW Kultursekretariat zu verdanken war. Dieses fördert Weltmusik in verschiedenen Ausprägungen, so auch das aktuelle Projekt von Klare und Co. namens „what is the melody?“ Man darf hoffentlich im LWL Museum für Kunst und Kultur weitere derartige Abende erleben.

text und fotos © ferdinand dupuis-panther

Informationen

LWL Museum für Kunst und Kultur
www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/

Musiker

Jan Klare
http://www.janklare.de/klare/wordpress/

Tim Isfort
http://www.tim-isfort.de/Tim_Isfort/Home.html

Xu Fengxia
http://www.avantart.com/music/xu/historie.html
http://www.xu-music.de/
http://www.xu-music.de/XuPak.mp3
http://www.xu-music.de/MinWuXu.mp3

Hein Tint
keine Homepage gefunden

Sonstige im Text genannte Musiker
Joe Fonda
http://www.joefonda.com/

Peter Kowald
http://www.kowald-ort.com/

„Exotische Instrumente“
https://en.wikipedia.org/wiki/Sanxian
https://en.wikipedia.org/wiki/Guzheng
http://www.istov.de/htmls/china/china_instrumenteguzheng.html

Hörbeispiele
Ghuzeng
https://www.youtube.com/watch?v=FcbSCPoyja8
http://www.bochumschau.de/guzheng-chinesische-woelbbrettzither-sun-ronghan-2015.htm

Sanxian
https://www.youtube.com/watch?v=kIXPneOnlsw

Pat Waing
https://www.youtube.com/watch?v=8clE4rVlTPA

 


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