Cuba Münster: Musikalische Naturschauspiele mit Nils Wograms Trio Nostalgia

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Die Black Box im cuba (Münster) war bestens besucht. Vielleicht hätte es noch wenige Stehplätze gegeben. Im Rampenlicht standen der aus Braunschweig stammende und nun in der Schweiz lebende Posaunist Nils Wogram, zugleich Chef seines eigenen Labels, bei dem die aktuelle CD „Nature“ gerade erschienen ist, der in Köln lebende Schlagzeuger Dejan Terzic und der niederländische Hammond-Orgel-Spieler Arno Krijger. Zusammen sind sie Nostalgia.

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Der Bandname überrascht doch, weil der Begriff Nostalgie negativ besetzt erscheint. Dazu äußerte sich Nils Wogram in dem mit ihm vor dem Konzert geführten Interview wie folgt: „Ich dachte zeitweilig wirklich daran, den Bandnamen zu ändern, aber ich mag diesen Bandnamen. Ich habe eine besondere Affinität zur Tradition des Jazz, die ich gerne nutzen möchte. Ein Teil der Jazzmusik aus der Vergangenheit ist überaus schön. Diese Musik ist so großartig und nicht erreichbar. Manchmal denkt man, am liebsten solle die Zeit angehalten werden. Klar, einige, die Nostalgia lesen, denken, nostalgisch ist doch ein negativer Begriff. Es bedeutet, man schaut nicht voraus, sondern zurück. Es bedeutet auch, dass man sich nicht bewegt."
So bist du dann jemand, der sich nicht verändert, weil immer zurückgeschaut wird, im Sinne von „die tolle Zeit, damals“. 
"Für mich gilt das nicht. Ich würde nicht so spielen können, wie ich spiele, ohne Jack Teagarden, J. J. Johnson oder Miles und Mingus. Ich habe einen großen Respekt vor deren Leistung. Das ist Musik, die ich sehr mag. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass Musik sich entwickelt und nicht endet. Jazz bedeutet stets, neue Wege und persönliche Beigaben zu finden, um die Musik voranzubringen. Das ist es, was ich mit der Band versuche, nämlich „alte Musik“ zu nehmen und diese dann sehr persönlich zu gestalten. Das ist das Wichtigste für mich, Musik zu einer persönlichen Sache zu machen, und zwar in nachstehendem Sinne: Das ist diese Band und das sind diese Musiker, die die Musik machen. Ich versuche, neue Ausdrucksformen in der Musik zu finden. In der Musik von mir sind viele Reminiszenzen an die Vergangenheit, aber ich hoffe, dass niemand sagt: „Oh höre auf, das ist doch alles alter Kram. Das sind doch Wiederholungen. Wir haben das schon so oft gehört. Das ist eine wirkliche Herausforderung: Etwas aus der Vergangenheit zu nutzen, aber ihm ein neues Gewand zu geben.“

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Wer beim Konzert zugegen war und seine Ohren gespitzt hat, der merkte in einigen Passagen, worin sich Nils Wograms Wurzeln gründen, im us-amerikanischen Jazz und auch im Bebop. Cool Jazz und Modern Jazz. So wäre es dann wohl auch angebracht, davon zu sprechen, dass das Album „Nature“ – aus diesem Album wurden bis auf ein Stück entsprechende Titel gespielt –, als Post-Bop zu charakterisieren ist. Dass die Posaune mit ihrem weichen, teilweise tieftonigen Klang weitgehend das Klangbild von Nostalgia bestimmte, war eine weitere zu treffende Feststellung. Das implizierte aber nicht, dass am Konzertabend kein gleichberechtigtes und gleichwertiges Spiel zwischen den drei Bandmitgliedern stattfand. Allerdings kam Arno Krijger an der Hammondorgel vielfach die Rolle zu, einen klanglichen Flokati unter Nils Wograms teilweise sprunghafte, teilweise auch dahinfließende Posaunensequenzen auszubreiten. Dejan Terzic hatte seine Momente der Solos. Zudem war er stets darauf bedacht, mit dezenten Rhythmenfolgen weitgehend im Hintergrund zu agieren. Stille Taktgeber sind ja nicht die schlechtesten musikalischen Begleiter, oder?

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Mit einer „Ballade“ über die Wasseramsel begann das Konzert. Dabei stellte sich der Eindruck ein, dass Nils Wogram mit seinen „schrittweisen“ Klangstufen der Amsel im Bachlauf folgte, von Stein zu Stein hüpfend. Das schnelle Schwingen der Flügel fing Dejan Terzic geschickt mit seinem Schlagzeug ein. Derweil sorgte Arno Krijger an der Hammondorgel für ruhige Noten, gleichsam die kurzen Pausen der Amsel bei der Jagd nach Köcherfliegenlarven aufnehmend. Im Vortrag war ein stetes Hin und Her sowie ein Auf und Ab zu vernehmen, sodass man sich den kleinen Piepmatz auf seinem Beutezug richtig gut vorstellen konnte, auch beim Eintauchen ins Nass, um die Larven aus dem Wasser zu fischen. Gäbe es den Titel „Dipper“ (Wasseramsel) nicht, wären auch andere Bilder im Kopf der Zuhörer entstanden, während der Musik gelauscht wurde: schaukelnde Segelboote in einer Marina oder eine beschauliche Waldwanderung im Herbst, um nur zwei mögliche Assoziationen anzuführen.

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Nachfolgend ging es von dem Naturschauspiel am Bachlauf nach „Hofstetten“, so hieß jedenfalls das nächste Stück im Konzertprogramm. Um welchen Ort geht es? Um die Gemeinde zwischen Lech und Ammersee oder um die im Kinzigtal? Nils Wogram verriet es den Zuhörern nicht. Stattdessen nahm er uns auf verwegene Posaunenpassagen mit, die weniger nach beschaulicher Landidylle als vielmehr nach Stop and Go und hektischer Großstadt klangen. Setzte Nils Wogram dann die Posaune ab und nahm sich die Melodica zur Hand vermeinte man, sich Fahrgeräusche, Hupen, Sirenen und anfahrende S-Bahnen vorstellen zu können. Satt war das Klangbett, das Arno Krijger für die Zuhörer aufdeckte. Anschließend unterstrich Nils Wogram, dass die Posaune auch brummig gestimmt sein kann, beinahe wie ein Euphonium.
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Das Trio nahm uns auch auf eine Wanderung mit, als das Stück „Trails“ gespielt wurde. Mit Glockenspiel und Hammondorgel im Zusammenspiel erhielt diese Komposition eine besondere, sehr divergente Klangnote. Die Posaune hingegen meldete sich dann mit einer Sequenz zu Wort, die nach bergauf und bergab klang, stets nach dem richtigen Pfad suchend. Bei der Ansage des Stücks „Birds“, dachte vielleicht der eine oder andere Zuhörer an den Thriller von Alfred Hitchcock. Aufgeregtes Flattern und einen Revierkampf vermittelte auf alle Fälle die „aggressive“ Posaune. Sie setzte auch Warnrufe ab. Schwirren und wildes Flügelschlagen war zu vernehmen. Gab es da nicht auch einen musikalischen Sturzflug?

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Nach einer Pause ging es mit einem zweiten Set weiter, der ob des anhaltenden Beifalls des sachkundigen Publikums mit einer Zugabe endete. Unter den Gästen des Konzerts waren einige Musiker der Münsteraner Jazzszene, so der Trompeter und Flügelhornist Christian Kappe und der Keyboarder Martin Scholz, sprich ausgewiesenes Fachpublikum war an diesem Abend auch vor Ort. Mit „Solitude“ wurde der zweite Konzertteil eröffnet und blitzartig fiel dem Berichterstatter „In My Solitude“ von Duke Ellington, gesungen von Ella Fitzgerald, ein. Ist der Titel der Wogram Komposition Zufall oder doch Absicht? Man müsste wohl den Komponisten fragen. Nils Wogram und Co. „besangen“ die „Abgeschiedenheit“ in ganz anderer Art als Ellington, da keine derart „verzweifelt“ anmutende Weise angestimmt wurde.

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Nicht nur aus dem aktuellen Album, sondern auch aus dem Album „Sturm & Drang“ gab es eine Kostprobe des Trios, als „Now“ auf dem Programm stand. Mit der Zugabe und einem Schmankerl vorweg endete ein gelungener Abend mit konzertantem Jazz, der aktives Zuhören forderte. Das Schmankerl also zum Schluss: Mit dem Hinweis auf das ausliegende Gästebuch, in dem sich jeder mit Kommentaren und seiner E-Mail eintragen könne, war folgendes Zitat verbunden, das dem besagten Gästebuch entstammt: „Ihr spielt ja besser als Bayern München.“ Dejan Terzic konterte: „Wir sind aber nicht so gut bezahlt“. Aus dem Publikum: „Und Ihr spielt nicht in so großen Stadien.“ Das ist auch gar nicht notwendig. Wichtig ist, dass die Musik von Nostalgia an vielen Orten zu hören ist. Musik, die nicht öffentlich vorgetragen wird, wird vergessen. Dass das nicht geschieht, dafür sorgt auch ein Veranstaltungsort wie das cuba.

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© ferdinand dupuis-panther

Informationen

Cuba Münster

cuba Black Box
http://www.blackbox-muenster.de/index.php?id=programm&no_cache=1

Kalender für cuba Black Box
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Do. 07. Mai : Initiative Improvisierte Musik: IMPRO-Treff Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Fr. 08. Mai : Gastspiel-Musikhochschule: Music Spoken Here Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Fr. 15. Mai : JazzToday: Katrin Scherer's MOMENTUM Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX
Mi. 20. Mai : Jazz Today: Jan Klare - Shahzad Ismaily - Alex Schwers Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX Sa. 23. Mai: JazzToday: ATTIKA Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX Do. 04. Juni: Initiative Improvisierte Musik: IMPRO-Treff Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX So. 06. Sept.: SOUNDTRIPS NRW: Peter Evans & Sam Pluta Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX So. 04. Okt.: SOUNDTRIPS NR: TJONG POW Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX So. 06. Dez.: SOUNDTRIPS NRW: Mia Zabelka
Zeit: 20:00, Ort: BLACK BOX

Musiker
Nils Wogram
http://nilswogram.com/media/bands/nostalgia-trio

Audios
https://soundcloud.com/nils-wogram
https://www.youtube.com/watch?v=_ot6WacEWwE
https://www.youtube.com/watch?v=L5N5KSHIL9Q
https://www.youtube.com/watch?v=wih1ktKh5H4
https://www.youtube.com/watch?v=V0t5WxJe_wE

Film zum Projekt Nature
https://vimeo.com/113074439

Dejan Terzic
http://dejanterzic.com/en/dejan-terzic.html

Arno Krijger
http://arnokrijger.nl/

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