Wolfgang Schlüter 4tet & NDR Big Band: Visionen

Schlueter

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Ob der ursprünglich als Paukist ausgebildete Wolfgang Schlüter eine Legende des deutschen Jazz ist oder nicht, macht sich vor allem daran fest, dass er neben Albert Mangelsdorff im renommierten Critics Poll des US-Fachmagazins „Downbeat“ eine Platzierung erreicht. Zu seinen Verdiensten gehörte es, dass er über Jahrzehnte das Klangbild der NDR Big Band formte und mitbestimmte. Allerdings wäre das Engagement in diesem Orchester nie zustande gekommen, hätte Schlüter nicht den Pianisten Michael Naura getroffen. Mit ihm zusammen erfolgte das erste bezahlte Engagement in einem Hamburger Jazzkeller.

Dass Schlüter überhaupt zum Jazz kam und nicht eine Karriere in einem klassischen Orchester verfolgte, lag auch daran, dass er 1952 im Berliner Sportpalast Lionel Hampton gehört hatte. Seither ließ ihn wohl auch das Spiel mit den Klangstäben nicht mehr los.

Mehr als sechs Jahrzehnte ist der Vibrafonist mittlerweile der Jazzszene verbunden, und die vorliegende Produktion „Visionen“ schlägt eine Brücke zwischen seinem aktuellen Quartett mit Musikern, die seine Enkel sein könnten, Boris Netsvetaev (Klavier), Philip Steen (Bass) und Kai Bussenius (Schlagzeug), sowie der NDR Big Band. Neben eigenen Kompositionen sind auf dem Album auch Bearbeitungen zu hören, die Titanen des Jazz wie Charlie Parker („Donna Lee“) oder Ray Noble („Cherokee“) zu verdanken sind.

Gleich zweimal verneigt sich Schlüter auf dem Album vor bereits verstorbenen Wegbegleitern, zum einen vor dem Posaunisten Albert Mangelsdorff, einem Jazzer der ersten Stunde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und u. a. eine gewichtige Stimme im United Jazz & Rock Ensemble, zum anderen vor dem Lyriker Peter Rühmkorff. Dem Ersten hat er den Opener des Albums namens „Albert“ gewidmet, während „Der Poet“ und „Ballad For Lüngi“ in Erinnerung an Rühmkorff geschrieben wurden.

Die Verbindung des Quartetts mit dem großen Klangkörper der Big Band ist sehr gelungen, vor allem auch deshalb, weil Schlüter und sein Quartett sich nicht in den Klangsog des mit Trompeten, Posaunen und Saxofonen bestückten Großensembles haben ziehen lassen. Schlüters Spiel auf den Metallstäben ist über weite Strecken nicht nur deutlich vernehmbar, sondern bestimmt auch die Hörfarben und die Klangebilde, die aus der Zusammenarbeit erwachsen sind.

Big Bands tendieren sehr häufig dazu, wie traditionelle Big Bands im Geiste von Count Basie, Jimmy Dorsey oder Duke Ellington zu klingen. Ja, der Bläserschwall ist schon sehr dominant, aber dieser wird immer wieder von Schlüters variantenreichem Spiel durchbrochen. Dass in der NDR Big Band erstklassige Musiker vorhanden sind, steht außer Frage, aber es sind halt Musiker, die in einem festgezurrten Korsett agieren. Das merkt man auch auf der aktuellen Einspielung, bei der der Raum für freies Spiel nicht zu bestehen scheint.

Der Opener des Albums „Albert“ macht mit einem „Bläsertusch“ auf, ehe dann Schlüter begleitet von einem dezent agierenden Schlagzeuger das Heft in die Hand nimmt und seine Schlägel über die Klangstäbe tanzen lässt. Zu hören ist außerdem ein längeres Saxofonsolo, das Schlüters filigranes Klangspiel ablöst. Selten genug ist es, dass auch der Bassist des Quartetts sich das Wort nehmen darf und seine Klasse unter Beweis stellen kann, ehe dann die Big Band mit aller Macht ihre Klangewalt ausspielt. Beim nachfolgenden Titel „Alhama“ muss man unwillkürlich an „Sketches of Spain“, sprich an Miles Davis, und zum anderen an den Pianisten und Komponisten Isaac Albeniz denken. Schlüter realisiert in diesem Stück jedoch seine eigene musikalische Reise nach Andalusien bzw. Granada. Perlende Tonfolgen und an Fanfaren erinnernde Trompeten geben der Komposition zeitweilig das musikalische Gesicht. Die Big Band scheint nur Intermezzos anstimmen zu dürfen. Auch dazu schweigt Schlüters Vibrafon nicht. Ganz wesentlich für die Hörfarben sind die Mitglieder des Quartetts, vor allem der Pianist mit seinem prägnanten Spiel. Außerdem hört man Schlüter auch am Marimbafon, dessen weicher Klang dem Gehör überaus schmeichelt. Ist da nicht auch eine Melange von Samba und Bossa zu vernehmen?

Schauen wir mal, was so eine „Crazy Little Family“ macht, die uns Schlüter ebenfalls vorstellt. Dabei ist auch ein sehr zarter Hauch Funk zu verspüren. Mit „Visionen“ beenden Schlüters Quartett und die Big Band den musikalischen Bilderbogen. Wer insbesondere den Sound einer Big Band und das abwechslungsreiche Spiel des Vibrafonisten Wolfgang Schlüter mag, der ist gut beraten, sich das Album zuzulegen.

Zum Schluss: Im Pressetext zum Album heißt es über Schlüter, er sei eine „große, alte Lichtgestalt des deutschen Jazz“ und sei stets noch beim Spiel in Höchstform. Im Übrigen: 2013 erhielt der Vibrafonist für „Visionen“ den ECHO JAZZ in der Kategorie „Instrumentalist des Jahres, national, besondere Instrumente“.

© ferdinand dupuis-panther

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