Ein japanischer Prachtkarpfen jazzt im Warendorfer Dachtheater

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Ein Trio, diese sehr intime Besetzung im Jazz, betrat die Bühne des Dachtheaters. Wie stets bei der Veranstaltungsreihe hatte sich ein an Jazz interessiertes und kundiges Publikum eingefunden, um Ansgar Elsner am Tenorsaxofon, Lars Gühlcke am Bass und Christian Schoenefeldt am Schlagzeug mit ihrem Programm zu hören. Dabei trafen sich Musiker aus Münster, Berlin und Oldenburg, um im musikalischen Zierteich ein Bad zu nehmen. Im Gespräch bestätigten alle drei, dass ihr musikalisches Fundament gewiss etwas mit Bebop zu tun habe. So könnte man von dem Abend in Warendorf als einem Abend mit Bebop reloaded sprechen. Bis auf die Zugabe, die nahe liegender Weise ein Stück von Dizzy Gillespie namens „Bebop“ war, waren ausschließlich Eigenkompositionen zu hören. Zum überwiegenden Teil stammten diese von Ansgar Elsner, der wie seine beiden Mitstreiter eine besondere Leidenschaft, so ein O-Ton von Ansgar Elsner, für die Liveauftritte hat. Diese grundtiefe Freude am gemeinsamen Spiel, besser Wechselspiel, war den drei Musikern während des gesamten Abends auch anzumerken. Da wurde nicht einfach vom Blatt gespielt und abgeliefert.

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Wieso denn Koi?

Doch woher stammt eigentlich der Name des Trios? Lars Gühlcke, Christian Schoenfeldt und Ansgar Elsner erinnerten sich wie folgt: „Es waren die ersten iPhones, auf denen das Spiel „Koi“ lief. Da hatten wir dann gleich die Inspiration. Ja, was war das denn? Ja so eine Simulation mit einem Teich.“ Also, ein Bandname aus einer Laune heraus geboren? „Ja, das passte zu uns. Ein Koi ist schön anzusehen. Irgendwie ist es ein schönes Bild. – Irgendwie auch eine Kunstform. – Ja, Fische, die so herumschwimmen, wie wir Musik machen.“

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Das Trio eine Idealbesetzung

Im weiteren Gespräch bestätigten alle drei Musiker, dass das Trio für sie die ideale Besetzung darstellt. „Es ist eine sehr anspruchsvolle Besetzung. Im Prinzip ist jeder immer gefordert. Jeder Part ist essenziell.“ so Christian Schoenefeldts Kommentar zur Frage „Quo vadis Trio?“ – „Wenn man es mal mit einer größeren Besetzung vergleicht wie einem Quartett, ist es so, dass das Trio intimer ist und es sich verzahnt.“ ergänzt Ansgar Elsner. „Wir haben festgestellt, dass das Spiel intensiver ist und damit verbunden der Ausdruck, der rüberkommt und die Energie, die fließt. Das setzt allerdings voraus – und das ist hier gegeben –, dass die Spielauffassung korreliert. Da sind wir in der wunderbaren Lage, dass das harmoniert.“ Das ergänzte Ansgar Elsner nachfolgend. – Und wie sieht es mit den Freiheiten und dem Ausleben im Trio aus? „Es gibt schon eine Menge Offenheit im Trio. Wir können die Stücke immer sehr unterschiedlich spielen, was die Form angeht, was die Ausfassung angeht, was den Groove angeht. So bleibt es wahnsinnig spannend.“ meinte Christian Schoenefeldt. „Dadurch, dass wir kein Harmonie-Instrument dabei haben, Gitarre oder Klavier, entsteht ein offener Raum, der die Fantasie anregen kann. Wir spielen dann manchmal auch sehr minimalistisch.“ so Ansgar Elsner. Der, der mit dieser Art des Trio-Spiels angefangen hat, war der Saxofonist Sonny Rollins, basierend auf dem Bebop. Rollins hat sich die Freiheit genommen, den Bebop auf seine Art weiterzuentwickeln. Er war zugleich Wegbereiter für Ornette Coleman, der den Free Jazz beflügelt hat. So äußerte sich Ansgar Elsners sinngemäß.

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Bebop - ein Fundament?

Ist also der Bebop das Fundament für die eigenen Kompositionen, fragt man sich dann zwangsläufig. Kurz und knapp brachte es Christian Schoenefeldt im Gespräch auf den Punkt: „Eine gehörige Portion Bop ist bei uns drin.“ Bei Jazz stellt sich auch stets die Frage nach dem Umfang der Notierung und den Freiräumen für Improvisationen und für Solos. Am Beispiel von „All the things you can eat“ – basierend auf den Hrmonien von „All the things you are“ – war die Frage schnell zu beantworten. Es gibt ein Thema und Changes. Damit wird ganz in der Bebop-Tradition umgegangen. Eigentlich sind nur die ersten 32 Takte notiert, alles andere, so Ansgar Elsner, entsteht auch aus dem Moment, ist Improvisation oder einfach nur Soundfläche. Das hört sich einfach an, aber während des Konzerts musste man schon sehr aufmerksam die Ohren spitzen, um das wirklich aufnehmen zu können. Das ist aber Jazz im besten Sinne, eine Musik, die auch den Hörer fordert.

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Mit einem musikalischen Buffet ging es los

Auffallend war, dass die drei Kois unplugged spielten und das war dem Dachtheater auch ganz angemessen. Wozu muss man Instrumente in einem intimen Raum verstärken? Hin und wieder hätte vielleicht dem Bass eine Unterstützung gut getan, zumindest während des gemeinsamen Spiels mit dem Tenorsaxofon. Auf der anderen Seite war der Bass dann auch mehr Unterfütterung. Schon bei den ersten Tönen nahm man Harmonien des Klassikers „All the things your are“ wahr, auf dem „All the things you can eat“ basiert. Zumindest Kennern der Standards im Jazz war das möglich. Die Nummer kam auch ein bisschen cool verschnitten daher, und so genoss man ein gutes Jazztröpfchen zum Konzertbeginn. Dezent gesetzt waren die Rhythmen des Schlagzeugs. Ansgar Elsner entlockte seinem Tenorsaxofon all die Klangfarben, die uns das musikalische Mahl schmackhaft machten. Dass der Bass nicht nur tief brummen, sondern auch hohe Töne von sich geben kann, wurde im Verlauf der Basssolos deutlich, die Lars Gühlcke seinem „Mini-Bass“ entlockte.

Ja, wer genau hinschaute, meinte eine Kreuzung von Cello und Bass auf der Bühne zu sehen. Kurze Interventionen des Schlagzeugs unterbrachen hier und da die jeweiligen Basssequenzen und Saxofonpassagen. Getragen war das Spiel des Trios, als „December Song“ erklang. Bilder von einem Schneetreiben stellten sich in den Köpfen der Zuhörer ein, oder? Vernahm man den Bass, so meinte man, ein leichter Wintersturm werde da intoniert.

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Morning Flash und mehr

Irgendwas mit Computer, so Ansgar Elsner bei der Ansage, habe das Stück „Skript“ zu tun, ein Song, der Lars Gühlcke zu verdanken ist. Kein Wunder also, dass der Bassist des Trios eröffnete, ehe das Saxofon auf die Basssequenzen einging. Im weiteren Verlauf bemerkte man ein sprunghaftes Saxofonspiel. Zu dem gesellte sich dann auch Christian Schoenefeldts virulentes Wirbeln auf Becken und Fellen. Der Jahreszeit angemessen folgte anschließend „Walking through the Haze“, eine Tour durch den winterlichen Nebel, der sich nach und nach hebt. Eigentlich, so Ansgar Elsner, sei das ja eine Komposition zur Entschleunigung. Tiefenentspannt waren die Hörer aber dennoch nicht. Zu komplex war nicht nur dieser Titel aus der Feder Elsners angelegt.

Oh, den Wecker überhört und die Zeit verschlafen? So jedenfalls klang „Morning Flash“ mit seinen aufgeregten Klangfolgen, die ein wenig Free Jazz durchscheinen ließen. Hektisch ging es im Wechselspiel des Trios zu. Es schien, als ob der Morgen nicht entspannt enden konnte. Der Bass konterte dem Saxofon und umgekehrt. Erst langsam entspannte sich die Lage nach und nach. Mit „Failed“ wurde eine weitere Komposition des Bassisten von Koi präsentiert, ehe dann im zweiten Teil des Abends nach leisen Tönen bei „Prayer“ das Programm „Bebop reloaded“ fortgesetzt wurde. Zu hören waren unter anderem noch eine Ballade auf den Stern „Algol“ und der „China Blues“, ehe dann alle auf die Zugabe warteten. Der japanische Zierfisch ziert sich nicht und ...

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Die Zugabe: Dizzy Gillespie

So spielte das Trio eine eigenwillige Interpretation von „Bebop“ mit allerlei krummen Takten, wie Ansgar Elsner kurz bemerkte. Frisch muss ja Jazz immer sein, und das gelang dem jazzenden Zierfisch ganz wunderbar. Dabei war das Publikum gewiss gefordert, denn eingängige Melodien waren bis zum letzten Saxofonton die Ausnahmen. Auch die Wechsel im Spiel und die Zwischentöne waren zu beachten. Time Shifting war nicht nur im Arrangement des Dizzy-Titels das Stichwort, sondern zog sich gewissermaßen wie ein roter Faden durch den Abend. Dabei war spürbar, dass nicht nur Dizzy Gillespie, sondern auch Ben Webster, Dexter Gordon und ein Hauch von „Round Midnight“ irgendwie zugegen waren.

Vermisste man das Klavier, das in der Originalversion von „Bebop“ eine Rolle spielt? Nein. Vielleicht war Koi nicht ganz so schnell im Spiel wie Dizzys Mannen. Doch die Trompetenpassagen des Originals wurden wunderbar durch Saxofonsequenzen ersetzt. Für Zwischenwirbel und Taktung sorgte das Schlagzeug. Dizzy geht also auch ohne Dizzys legendäre Trompete, oder?

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Farbrausch muss nicht sein

Bei einer Musik, die mit Rhythmuswechseln und auch teilweise „nervösen“ Sequenzen daherkam, war der veranstaltete Farbrausch der Bühnenbeleuchtung völlig kontraproduktiv. Abwechslungsreich war der Jazz eh, auch weil alle drei Musiker ihren gleichwertigen Anteil an den Songs hatten und zudem auch viel Raum für Solos gegeben war. Die Farbwechsel störten nur die Konzentration der Zuhörer, die ja wegen der Musik und nicht wegen einer Lichtshow ins Dachtheater gekommen waren. Jazz ist keine Helene-Fischer-Show, bei der es mehr auf den Schein ankommt. Die Musik von Koi lebt aus sich selbst, und daher bedurfte es keiner „Lichtorgie“, schon gar nicht eines Farbwechsels mitten in den jeweiligen Stücken. Wer anspruchsvollen Jazz hören will, der braucht die Chance des Eintauchens in die Hörfarben – nicht mehr und nicht minder.

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© Text und Fotos: ferdinand dupuis-panther


Informationen
Christian Schoenefeldt
http://www.christian-schoenefeldt.de/

Theater am Wall/Dachtheater Warendorf
http://www.theateramwall.de/programm/

Audio
Bebop von Dizzy Gillespie 4tet
https://www.youtube.com/watch?v=09BB1pci8_o

 


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