Stadt meets Dorf – The City meets the Countrysite or Wellness meets Manfred Wex 4tet

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Heftige Böen und ein garstiger Regen locken nur die hartgesottenen Jazzfreunde aus dem Haus und in die Stadthausgalerie, um das dritte Konzert der Reihe „Stadt trifft Dorf“ mitzuerleben. Diesmal treffen die Sängerin Marie Daniels, der Kontrabassklarinettist und Altsaxofonist Florian Walter, der Baritonsaxofonist Julius Gabriel und der Drummer Fabian Jung – kurz Wellness genannt – auf das Manfred Wex 4tet. Man könnte auch sagen, Georg Kreisler in neuem Gewand trifft auf Ornette Coleman, Archie Shepp, Don Cherry und Bob Marley.

 

Der Kreisler kreiselt

wellnessDSC09330Im ersten Teil des Konzerts unterstreicht die Gruppe Wellness feat. Marie Daniels, wie aktuell die Liedtexte Georg Kreisler noch heute sind. Kreisler, der in Wien geboren wurde und in Salzburg im November 2011 verstarb, wehrte sich zeit seines Lebens dagegen, als Kabarettist und als Österreicher bezeichnet zu werden, denn er besaß, darauf wies er stets hin, die us-amerikanische Staatsbürgerschaft. Eine spitze Feder konnte er schwingen und zu volksliedhaft anmutenden Melodien seine bitterbösen, satirisch-ironischen Texte singen.

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Das „Kapitalistenlied“, „Das neue Spiel“, „Meine Freiheit, deine Freiheit“, natürlich „Gehn wir Tauben vergiften im Park“ - Kreislers wohl bekanntestes Lied -, „Wir sind alle Terroristen“ und „Schützen wir die Polizei“ gehören zum Repertoire, das zu hören ist. Stets scheinen die Melodien Kreisler ihren Platz zu haben, auch wenn mit Tröten, Pfeifen, Flöten, Saxofonen, Rasseln, Bechern, einem Glas, kleinen Schellen und einem Megafon allerlei „Klamauk“ auf die „Bühne“ des Stadthausgalerie gezaubert wird. Also dann Vorhang auf für einen Mann, dem unter anderem nachfolgende Zeilen eingefallen sind: „Wir sind doch alle, alle, alle Terroristen. / Es lebt in ganz Deutschland kein Demokrat. / Wir sind Terroristen gegen die Frauen, / gegen die Kinder, die uns vertrauen, / aber nicht einer gegen den Staat. ...“.

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Die Musiker von „Wellness“ kommen nach und nach aus dem Abstellraum der Galerie. Dort haben sie schon die ersten Töne angestimmt. Es ist ein Tuten, Pfeifen, Schnalzen und ein wenig Humpda Humpda. Dann, ja dann vernehmen wir ein beginnendes Duett zwischen Bariton- und Altsaxofon sowie anschließen die ersten Zeilen des „Kapitalistenlieds“. Dabei rumort es gewaltig. Bajuwarische Rhythmen sind zu hören, die der Schlagzeuger auf seine Weise spielt und gegen die er zeitweilig auch rebelliert. Derweil singt Marie Daniels: „Ja, wer sagt denn, daß ich auch jemand töten muss / Wenn ich überdies zufällig wirklich schieß, / Sag mir, wer von euch das für eine Drohung hält, / Wenn die Kugel fliegt und jemand fällt. ...“. Im Gegensatz zu Kreisler, der bei seinen Vorträge vor diesem Lied darauf verwies, dass es sich dabei um Satire handelt, stellt Marie Daniels das nicht unmissverständlich klar. Aber, das weiß auch jeder so. Trillernde Saxofone, schreiende Saxofone, schnelle Beats des Schlagzeugs, ein Crescendo und dann ist alles vorbei.

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Schwarzhumorig geht es weiter im Programm, denn als nächsten laden uns die vier Musiker zu ihrer Form von politisch-musikalisches Wellness ein. Der Song „Wir sind alle Terroristen“ steht auf dem Programm. Eine Human Beatbox kommt dabei zum Einsatz. Tschtsch, Rrrr, Tutatuta, TuochTuoch und vieltöniges Geräuschinferno – das nehmen wir zunächst wahr. Dann setzt Marie Daniels mit einem Sprechgesang ein, der sich von Kreislers Vortrag über Terroristen abhebt: „Die meisten schrein schon früh am Morgen: Na, was ist denn? / Warum funktioniert nichts? Ist denn keiner auf Draht? / Wir sind Terroristen gegen die Liebe, / gegen die Faulenzer, gegen die Diebe, / aber nicht einer gegen den Staat. Glocken schlagen, die Basstrommel rührt sich. Was aber ist mit den Terroristen und dem Staat? „So lebst du mit dem Staat, das ist bequemer. / Du lernst die Hymne und den Badenweiler Marsch. / Du wirst Beamter, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, / gehst in Pension und denkst: Ach, leckt mich doch am Arsch. / … Ja, wir sind alle, alle, alle Terroristen.“ So als ob die anderen Musiker nur auf das Stichwort „Badenweiler Marsch“ gewartet haben, fallen Kontrabassklarinette und Saxofon in einen Marschmodus ein, unterstützt dabei vom Schlagzeug, dass sich aber ein wenig ziert, während die anderen den Marsch blasen.

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Ja, wir gehen Tauben vergiften im Park, keine Frage. Ein Kreisler-Abend ohne dieses Lied wäre nur sehr unvollkommen. „Schatz, das Wetter ist wunderschön, / Da leid ich’s net länger zu Haus! /Heute muß man ins Grüne gehn, / In den bunten Frühling hinaus! / Jeder Bursch und sein Mädel / Mit einem Freßpaketel / Sitzen heute im grünen Klee, / Schatz, ich hab eine Idee!“ Marie Daniels fällt dabei in die Rolle einer Couplet-Sängerin, und der eine oder andere Zuhörer ist geneigt, dabei an Lotte Lenya („Lieds von der Seeräuber-Jenny“) und an Claire Waldoff zu denken.

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Wir hören die Tauben auf der Bühne gurren – dank an die Kontrabassklarinette –, und die Vögel pfeifen und trällern – dank an Marie Daniels und ihre Stimme. Im weiteren Vortrag ist der Zuhörer nicht sicher, ob nicht gerade die Neue Deutsche Welle ein Revival feiert. Gurr, gurr, rassel, rassel, gurr, gurr und am Ende gibt es noch einen geblasenen Taubenschiss – Ende der Taubenjagd in Münster.

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Doch das Programm geht mit „Schützen wir die Polizei“ noch weiter. Ohne musikalisches Gaudi geht das ebenso wenig ab wie der Vortrag „Das neue Spiel“. Mit „Meine Freiheit, deine Freiheit“ bekommen die Zuhörer in der Stadthausgalerie ihren Spiegel vorgehalten, eigentlich von Kreisler, aber nun von Marie Daniels: „Warum sind die Leute so träge / befreien sich nicht aus der Not ...“. Als Zugabe gab es noch ein Stück, ein ganz, ganz, ganz, ganz kurzes Stück. Ich glaube, es dauerte vielleicht zwei Sekunden – oder waren es drei? Auch das ist feiner Humor: Kreisler hätte es sicherlich gefreut.

 

Von Coleman bis Bob Marley

manfred-wex-4tetDSC09452Welch ein Kontrast ist dann der zweite Konzertteil, den Manfred Wex mit seinem Quartett bestreitet, zu dem am E-Piano Martin Scholz, am Bass Frank Konrad und am Schlagzeug Udo Schräder gehören. Manfred Wex, so Jan Klares einleitende Worte, sei ein Urgestein und eine Institution des Jazz. Ihm seien nicht nur die Montagssessions im Hot Jazz Club zu verdanken, sondern auch andere Jazzkonzerte wie beispielsweise vor Jahren im Landesmuseum für Kunst und Kultur.

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Die Mannen um Manfred Wex bewegen sich zwischen Ornette Coleman und Bob Marley, geben in einer Eigenkomposition von Manfred Wex den „Lowe Blues“ , machen einen Abstecher in den Funk, als sie „Back Back“ von Archie Shepp spielen und lassen dann den Reggae-Messias Bob Marley auch noch auferstehen. Doch „Redemption“ in der Fassung des Quartetts klang weniger nach Reggae als eher nach „Motette“, oder?

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Martin Scholz darf an diesem Abend am roten E-Piano zu seinem Spiel kommen, bisweilen im Wechselspiel mit Manfred Wex, so wie bei dem Colemantitel „Ramblin'. Im Hintergrund folgt der Bass seiner Linie, während das Saxofon den Raum mit Blues füllt: Lowe Blues, um es genau zu sagen. Wäre da nicht besser eine Orgel als ein E-Piano zum Einsatz gekommen? Flotte Pianopassage und ein swingendes Saxofon kommen bei einem Stück von Don Cherry zusammen. „Art déco“ lautet der Titel, bei dem die Rhythmusgruppe des Quartetts unaufdringlich ihre Kreise zieht. Oh, ein Schlagzeugsolo gibt es. Entspricht das nicht der Erwartung? Muss dass nicht bei Jazz sein? Muss es gar nicht, aber kann es.

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Funky, funky – das ist die Grundstimmung des nachfolgenden Stücks von Archie Shepp, bei dem der eine oder andere auch an „Shaft“ von Isaac Hayes denken muss. Zumindest scheint Les McCann irgendwie im Raum zu sein. Ruhig getragen geht es dann in der Eigenkomposition „Aus dem Effeff“ zu. Auch die tiefen Töne des Tenorsaxofons erfüllen den Raum. Darauf antwortet Martin Scholz mit einigen Pianopassagen in abgeklärter Weise. Hier und da blitzen Assoziationen an „Schau mir in die Augen, Kleines“ auf. Mit „Redemption“ werden die Zuhörer anschließend von Manfred Wex in eine regnerische Nacht entlassen. Ein kontrastreicher Jazzabend hat sein Ende gefunden.

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Das große Finale am 4. Februar 2015 in der Stadthausgalerie sieht eine Begegnung mit „The Dorf“ vor und zugleich ein Wiedersehen mit Musikern, die in den vorherigen Konzerten zu hören waren, so Marie Daniels, Julius Gabriel, Alex Morsey, Jan Klare, Simon Camatta, Florian Walter … Mal schauen, was die Dorfversammlung mit dem Publikum musikalisch so anstellt.

© text und fotos: ferdinand dupuis-panther

Informationen

Musiker

Julius Gabriel
http://juliusgabriel.yolasite.com/

Florian Walter
http://florianwalter.yolasite.com/termine.php

Marie Daniels
http://mariedaniels.de/

Musik von Georg Kreisler

Georg Kreisler Kapitalistenlied
https://www.youtube.com/watch?v=fkaYbUcqFU8

Georg Kreisler Tauben vergiften im Park
https://www.youtube.com/watch?v=TiH5BsVTcyg

 


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