Majid Bekkas Al qantara

IGL250-coverIgloo Records, IGL250, veröff. Jan. 2014

Orient meets Okzident oder North meets South – das sind Charakteristika, die zum vorliegenden Album passen, das unter der Kategorie „Afro Oriental Jazz“ vermarktet wird.. Das Trio besteht aus Majid Bekkas (vocals, guembri, kalimba, oud), Manuel Hermia (bambooflute, clarinet, saxophone) und Khalid Kouhen (daf, tablas). Zunächst einmal ist dies kein traditionelles Trio, was schon die Instrumentenliste deutlich macht. 1974 erwarb Bekkas seine erste Guembri, eine lange Kastenhalslaute mit drei Saiten. Ihr Klang entspricht weitgehend dem Kontrabass bzw. ähnelt in der Klangfarbe einer Oud, einer arabischen Laute. Die Guembri ist eines der wichtigsten Musikinstrumente in der Kultur der Gnawa, einer aus der Subsahara stammenden afrikanischen Minderheit aus ehemaligen Sklaven, die in Marokko leben.

Der Titel des Albums „Al qantara“ (Arabisch für Brücke!) bezieht sich darauf, dass Bekkas Marokko als eine Art Mittler und Brückenkopf zwischen den Kulturen Afrikas, des Orients und Europas betrachtet. Das Cover der CD zeigt daher, welcher Brückenschlag gemeint ist: hier Tradition, die arabische Laute, die Bekkas unter dem Arm trägt, und dort die Moderne, die Autohochstraße über dem Kopf des marokkanischen Musikers. Neben der Guembri spielt Bekkas auch Kalimba, ein sogenanntes Lamellofon, das wie Guembri Bestandteil der subsaharischen Volksmusik ist. Bekkas zur Seite steht der belgische Klarinettist und Saxofonist Manuel Hermia, der außerdem die indische Bambusflöte gekonnt zum Spiel von Afro-Blues und -Soul sowie Jazz einsetzt. Als Perkussionist konnte der aus Fes stammende und in Frankreich lebende Khalid Kouhen gewonnen werden, der nicht nur die Tablas zum Schwingen bringt, sondern auch die Daf, eine aus dem vorderasiatischen Raum stammende Rahmentrommel, die sich aber bis nach Nordafrika verbreitet hat. Über seine Mitmusiker sagt Bekkas: „Ich habe sie für mein Projekt ausgewählt, weil sie, wie ich, von der Musik Indiens, Afrikas, des Orients und des Okzidents beeinflusst wurden.“

Dass für Bekkas und seine Mitmusiker Afrika die Wiege des Jazz ist, wird daran deutlich, dass sie bei der aktuellen Einspielung auch einen Titel von Don Cherry namens 'Guinea' bearbeitet und interpretiert haben. In der Musik des Trios spielt die musikalische Migration auf dem afrikanischen Kontinent und auch nach Europa einen ganz wesentlichen Bestandteil. 'Al qantara' erinnert zum Beispiel an das Goldene Zeitalter, als Al Andalus existierte und ein weltoffener Islam praktiziert wurde. Diesem wurde in Spanien durch die blutige Reconquista ein Ende bereit. Nun war die Inquisition an der Tagesordnung, der nicht nur Muslime, sondern auch Juden zum Opfer fielen, die am Hofe der Herrscher Andalusiens gern gesehen waren. 'Sidi Ali Ben Hamdouch' ruft einen arabischen Mystiker und Heiligen in Erinnerung, der einen festen Platz im Sozialleben Marokkos einnimmt.

Nun zur Musik: Die Kompositionen der aktuellen CD sind entweder wie 'Bania' traditionellen Ursprungs oder aber Kompositionen von Bekkas, der damit die Gnawa-Tradition am Leben erhält. Zu Beginn von 'Bania' vernehmen wir eine konstante Basslinie. Wird diese durch die arabische Laute oder durch die dreisaitige Kastenlaute erzeugt? Leider erfahren wir darüber nichts, denn bei den Titelangaben fehlt die Angabe der spezifischen Instrumentierung. In Zeiten von Booklets als integraler Bestandteil jeder guten CD-Produktion war das noch anders.

Neben der Basslinie schält sich auch eine virtuose Flötensequenz heraus, dank sei Hermia. Rasseln und anderes Schlagwerk liefern die rhythmische Note für das Stück. Dieses lebt vor allem von dem eindringlichen Gesang Bekkas. Dieser Gesang ist im Wechselspiel mit Flötenklängen und allerlei Perkussionsinstrumenten zu hören. Mit der Musik wandern wir nach Marrakesch und zum berühmten Marktplatz Djemaa el Fna, wo sich Gaukler, Musiker und Schlangenbeschwörer ein abendliches Stelldichein geben.
Mit dem Sopransaxofon Hermias kommt dann im Verlauf von ' Bania, Bania, Bania' noch eine weitere Klangfarbe hinzu, mit der Afro Oriental Jazz lebendig wird. Nachdem wir uns dem zweiten Stück des Albums dem „Brückenschlag“ gewidmet haben, sind es dann die 'Bouhali', die allem Materiellen abgeschworen haben und wie Eremiten in der Einsamkeit der Bergwelt leben, denen sich das Trio musikalisch zuwendet. Die Verse dieses Stück kann man in der Innenklappe der CD nachlesen, sodass man ein wenig mehr Wissen über die Gnawa-Musik erwirbt.
Doch ehe wir uns den marokkanischen Asketen zuwenden, lauschen wir erst den verspielten Sequenzen in 'Al qantara'. Das Sopransaxofon nimmt dabei die Melodielinie auf, die die arabische Laute vorweg gespielt hat. Oder war es wiederum eine Kastenhalslaute, die Bekkas zupft? Auf alle Fälle können wir uns beim Zuhören all den Bildern hingegeben, die als Klischee vom Orient in unseren Köpfen herumspuken, angefangen beim Bauchtanz über die emsigen Färber von Fes, das lautstarke Feilschen auf dem Basar und die Schlangenbeschwörung auf dem Markplatz von Marrakesch. Fast klagend erklingt das Saxofon, ostinato erscheint das Saiteninstrument, das Bekkas spielt, derweil ein hartes Klack-Klack-Klack der Tablas das Hörbild abrundet.
Ein Lied für das Leiden des Fremden scheint 'Al Ghouba': Besungen wird von Bekkas unter anderem die Einsamkeit in einem fremden Land, in dem der Fremde Zuflucht in seinem Glauben und im Ritual der Gnawa sucht. Doch stets bleibt der Wunsch, ins Land der Ahnen, also in die Subsahara zurückzukehren. Begleitet wird Bekkas Gesang durch behäbig klingende Sequenzen auf der Oud. Darüber liegen die scharfen „Obertöne“ der Bambusflöte, die den Gleichklang aufbrechen. Bei 'Bouregreg' – gemeint ist der aus dem Mittleren Atlas entspringende Fluss, der nahe der Geburtsstadt von Bekkas namens Salé vorbeifließt – spielt Hermia erstmals Passagen auf seiner Klarinette, wozu Kouhen klickende Perkussionen und dumpfe Tablas-Sounds liefert. Mit zwei Bonus-Tracks, die eine weitere Fassung von 'Sidi Ali Ben Hamdouch' und 'Bouregreg' beinhalten, klingt unsere Begegnung mit Nordafrika aus.

Zum Schluss: Ob man die Musik Bekkas eher als Weltmusik denn als Jazz charakterisieren sollte, muss dem Zuhörer überlassen bleiben. Fremde Welten eröffnet uns Bekkas auf alle Fälle – und das ist auch gut so in Zeiten eines wachsenden Eurozentrismus und um sich greifender Xenophobie.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label
www.igloorecords.be

Band

Majid Bekkas
www.majidbekkas.com

Manuel Hermia
http://www.manuel-hermia.com/

Khalid Kouhen
http://www.khalid-kouhen.com/khalid_kouhen.htm

 


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