Soo Cho / Javier Girotto: Ballerina

ballerinaalessa records, ALR 1029, veröff. 2014

Das Duo ist wohl die intimste musikalische Formation, die man sich vorstellen kann. Ungewöhnlich ist dabei im vorliegenden Fall die Besetzung: Wir begegnen nämlich einer Pianistin aus Südkorea, die auch für zehn der elf Kompositionen der aktuellen Einspielung verantwortlich zeichnet, und einem aus Argentinien gebürtigen, nunmehr in Italien beheimateten Sopransaxofonisten. Javier Girotto scheint eine Vorliebe für Duos zu haben, denn in der Vergangenheit war er im Duett bereits mit dem italienischen Akkordeonspieler Luciano Biondini zu hören, unter anderem bei Jazz Brugge 2010. Soo Cho ist eine ursprünglich klassisch ausgebildete Pianistin. Nach ihrem Studienabschluss an der Sung Sin University in Seoul und einiger Zeit als Barpianistin in Hotels, entschied sie sich, in die Niederlande zu gehen. Dort wollte sie die Musik studieren, die ihr wirklich am Herzen lag: Jazz. Gesagt, getan – und so schrieb sie sich am Konservatorium in Utrecht ein, ehe sie nach einiger Zeit zur weiteren Ausbildung nach Amsterdam ging. Ihre Lehrer waren Karel Boehlee, Rob van Bavel und der im August 2013 verstorbene Kris Goessens. Ihm ist auf der aktuellen Einspielung die Komposition 'Kris' gewidmet, gleichsam die Verneigung vor einem sehr geschätzten Lehrer. Nach dem Abschluss ihres Masters und einem Aufenthalt in New York erschien ihre erste CD mit ihrem eigenen Quartett.
Das vorliegende Album ist unterdessen ihre vierte Veröffentlichung. Auf diesem ist Girotto vor allem auf seinem Sopransaxofon zu hören. Geboren wurde Girotto im argentinischen Cordoba, aber längst ist er italienischer Staatsbürger und oft in seiner italienischen Heimat mit eigenen Formationen zu hören. Neben Saxofonen beherrscht er auch Querflöte und Klarinette. Studiert hat er unter anderem am bekannten Berklee College of Music in Boston. Neben Biondini war an seiner Seite auch schon Randy Brecker zu hören. Auch mit der Pianistin Rita Marcotulli, und dem Hornisten und Trompeter Paolo Fresu hat er bereits Konzerte gegeben.
Doch nun zur CD 'Balletttänzerin': Dieser Künstlerin der Pirouette und der Sprünge ist die erste Komposition auf der CD gleichen Namens gewidmet. Kammermusikalisch-konzertant mutet das erste Stück an, für das Girotto sein glockenhelles Saxofon erklingen lässt. Dabei scheinen die Phrasierungen den Tanzschritten der Spitzentänzerin zu folgen. Jede Drehung und jeder Sprung wird eingefangen. Weit ist der Bogen bis zum Schlussakkord gespannt. Diesen bildet der Standard aus dem Great American Songbook 'My Sweet Valentine'. Wer aber Soo Cho und Javier Girottos Fassung hört, traut seinen Ohren nicht. Das ursprünglich eher schmalzig-schwülstig daherkommende Werk hat alles verloren, was die gängigen Interpretationen und das Original ausmachen. Und das ist wirklich ein Klanggenuss zum Schluss der aktuellen CD.

Nach der anspruchsvollen Ouvertüre ist man gespannt, was auf dem musikalischen Büffet noch so angerichtet wird. So als käme das Pianospiel aus dem Off, erscheinen uns die ersten Sequenzen des Stücks 'Prayer'. Dabei hat man den Eindruck, als wolle Cho mit ihrem prägnanten Spiel den Schlag einer Turmuhr und einer Gebetsglocke umsetzen. Gleichbleibend im Duktus setzt Cho ihr Spiel fort. Erst nach und nach erhebt sich der getragene Klangreigen des Saxofons, das im weiteren Verlauf beinahe zu einem Klagelied anstimmt. Eine Lobeshymne klingt jedenfalls anders.
Recht kurz widmet sich das Duo 'Arrogant Stars'. Es klingt so, als würde das Piano die aufgeregten Beschwerden, Marotten und das Gezeter der Stars und Sternchen – diesen Part übernimmt Girotto mit vollen Saxofoneinsatz – mit Gleichmut beantworten.

„Türöffner“ für 'When We Say Goodbye' ist wie in anderen Kompositionen Chos ihr charakteristisches Klavierspiel. Behutsam und mit Bedacht setzt Girotto seine Phrasierungen dazu. Es geht um Abschiednehmen – doch wer übernimmt welche Rolle dabei? Angesichts des Duktus, den Cho an den Tag legt, scheint es, als stelle sie den bleibenden Partner dar, während Girotto Abschied nehmen muss. Mal geschieht das mit erregtem, mal mit bedächtigem Tempo. Man hat den Eindruck, das Abschiednehmen dauere eine Zeit und falle auch nicht leicht. Auffallend ist der Modus, in dem sich beide Musiker bewegen: Klassische Kompositionen scheinen stets Wegbegleiter zu sein und das ist angesichts der Ausbildung von Soo Cho auch nicht verwunderlich.
Das Prinzip des Dialogs setzen beide Musiker auch in 'On My Youth' sehr gut um. Man kann nicht umhin zu denken, es gäbe zwischen beiden eine engagiert geführte Debatte. Bei diesem Stück überkam den Rezensenten der Eindruck, Sidney Bechet sei auch zugegen. Doch diese Anwandlung verflog beim weiteren Zuhören recht schnell.
Temporeich und mit breitem Farbenklang besticht 'On My Youth' den Zuhörer. Ist da nicht etwas Fugenhaftes in der Hommage an 'Kris' auszumachen? Geschulte Ohren werden es bejahen oder verneinen. 'Xtension' steht ebenso wie 'Truth' auf dem Programm der beiden aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommenden, aber bestens im Zusammenspiel harmonierenden Musikern.
Sie verabschieden sich mit „My Funny Valentine“ und die Frage bleibt, ob es eine Fortsetzung der beinahe kongenialen Zusammenarbeit geben wird. Warten wir es ab.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen
Label
www.alessarecords.at

Band

Soo Cho
www.soocho.nl
http://www.soocho.nl/videos/

Javier Girotto
http://www.javiergirotto.com

My Funny Valentine 
by Chet Baker
https://www.youtube.com/watch?v=UOEIQKczRPY

by Chaka Khan
https://www.youtube.com/watch?v=XP-oGwt8ng0

 


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