Rückblick: 17. Emsdettener Jazztage Februar 2015

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Zwischen dem Internationalen Jazzfestival Münster im Januar und dem Jazzfestival in Gronau Ende April/Anfang Mai hat sich seit Jahren das Emsdettener Jazzfestival seinen Platz erobert. Jazz vom Feinsten, gemischt mit einer Prise Funk und Latin Pop, war in diesem Jahr das Motto des Festivals, das mit einem Konzert von triosence begann und mit „Gimme the Boots“ von Mo'Blow endete.

 

Balsam für die Seele – triosence bei den 17. Emsdettener Jazztagen

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Im Lichthof von Stroetmanns Fabrik war kaum noch ein Plätzchen zu finden, als das Konzert von triosence mit einer gewissen Verspätung begann. Im Halbdunkel betraten Matthias Akeo Nowak, Stephan Emig und Bernhard Schüler die Bühne. Nacheinander wurden sie ins rechte Spotlight gesetzt. Mit einem Tänzchen für die Herzdame - „Waltz for Andrea“ - begann der musikalische Reigen, der Teil einer weltweiten CD-Release-Tour ist. Bei dieser Tour wird das jüngste Album des Trios, eine Live-Einspielung, präsentiert.

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In Emsdetten ergänzte das gut gelaunte und mit Spielwitz agierende Ensemble bestehend aus Musikern aus Bremen, Hannover und Köln die bisher veröffentlichten Kompositionen mit neuen Stücken. Melodiös und fernab schräger Töne gestaltete sich nicht nur das erste Stück des Abends, sondern auch alle anderen, die es zu hören gab. Von Ohrenschmeichlern könnte man angesichts der Klang- und Hörfarben mit Fug und Recht sprechen. Das war keine komplex strukturierte, sondern eine stets nachvollziehbare und von offensichtlichen Themen geprägte Jazzmusik, die sehr zur Freude des zahlreich erschienenen Publikums im Lichthof erklang.

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Bereits bei dem Walzer für Andrea richteten sich die Blicke auch und gerade auf den Schlagzeuger Stephan Emig, der über seinen Bongos, Trommeln und Becken zu schweben schien. Mit geradezu tänzelnden und leicht erscheinenden Bewegungen setzte er Schlägel und Sticks, aber auch seine Finger ein, um für den richtigen Rhythmus zu sorgen. Selbst das Schnipsen mit den Fingern, das Klatschen mit den Händen, das Schlagen auf Bauch und Oberschenkeln gehörten zum perkussiven Programm. Schließlich brachte er auch ein Spiralbecken und ein „Daumenpiano“ zum Klingen.

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Dass energetisches Spiel nicht immer laut sein muss, unterstrich Stephan Emig während des gesamten Konzerts. Dabei erinnerte seine Spielweise streckenweise an die in Kopenhagen beheimatete us-amerikanische Schlagzeugerin Marilyn Mazur. Auch sie beherrscht das „schlagakrobatische Spiel“ auf dem Schlagzeug in wahrer Perfektion. Bei Stephan Emig ist das dezente Spiel mit Trommeln und Becken insoweit überraschend, als er eigentlich eine stille Liebe zu „Iron Maiden“ pflegt – und das ist Hardrock pur! Nun ja, zwei Seelen scheinen bei Stephan Emig in einer Brust zu wohnen.

Schnell ist man bei der Hand den Begriff „großes Kino“ fallen zu lassen, wenn man derartig virtuos agierende Musiker erlebt. Im Falle von Stephan Emig kann man diesen leicht abgedroschen klingenden Begriff ebenso verwenden wie für das gesamte Trio.

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Das erste Stück des Abends, so erzählte der sehr gut aufgelegte und bisweilen plaudrige Bernhard Schüler, entstand nach einer Begegnung mit Andrea im Foyer der Kölner Hochschule, und auch das zweite Stück hatte etwas mit Andrea, allerdings einer gänzlich anderen, zu tun. Die Komposition für Andrea I habe aber gar nicht zum Erfolg geführt, so sei das, wenn man meint, eine Frau mit einem Song beeindrucken zu wollen. „Wenn man das macht, bevor etwas läuft, dann läuft gar nichts.“ – so Bernhard Schüler. Bei einem der jüngsten Konzerte habe er, Andrea I nach zehn Jahren im Publikum entdeckt – unterdessen verheiratet und Mutter von zwei Kindern, wie das eben so ist –, doch schlagfertig genug sei er nicht gewesen, um bei der Ansage dem Publikum zu sagen: „Wenn Ihr wissen wollt, wer Andrea ist, sie sitzt dort in Reihe soundso.“ Für eine andere Andrea sei dann im Kontext einer Trennung das Stück „No One's Fault“ entstanden. Trennungen, so der Pianist von triosence, haben ja auch durchaus etwas Positives, zumindest sei als Positives eine neue Komposition entstanden.

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Es ist eher selten, dass Musiker so offenherzig über die Motive für ihre Kompositionen sprechen. Zumeist wird nur ein Titel angesagt. Die Musik soll für sich sprechen. Doch Bernhard Schüler war an diesem Abend so gut gestimmt, dass er auch vor anderen Stücken, die gespielt wurden, immer einen Einblick in deren Entstehungsgeschichten gab. Lacher im Publikum, ob der einen oder anderen Geschichte, gaben Bernhard Schüler nur Recht, Musik auch verbal zu erläutern und somit dem Publikum näherzubringen.

Bei all dem Plaudern stand die Musik jedoch nicht hinten an: ein gerades, perlendes Klavierspiel, ein gestrichener Bass und die dezenten Schläge auf das Spiralbecken. Klavier und Bass wechselten sich darin ab, das Thema zu formen, so wie in „No One's Fault“.
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Während sonst im Jazz der Bass vielfach nur Unterfütterung ist und vor sich hin brummelt, war dies beim Konzert von triosence durchaus anders. Alle drei Musiker hatten gleichwertige Anteile an der Präsentation der Kompositionen, so auch der Bass, der sich bei dem einen oder anderen Solo durchaus von der Tieftönigkeit des bauchigen Instruments löste.

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Bei „3-4 Fun“ traute man bisweilen seinen Ohren nicht: Gab es da nicht Anklänge an Abdullah Ibrahim, schien da nicht auch ein wenig Booker T und Les McCann durch, wenn auch in einer viel bescheideneren Instrumentierung als bei den Auftritten der Genannten? Stephan Emig sorgte am Cajon für die notwendige rhythmische Würze, während Bernhard Schüler auch unterstrich, dass von ihm nicht nur perlende Klaviersequenzen gespielt werden können, sondern auch akzentuierte Klangpassagen mit starkem Groove.

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Zu einer der neuen Kompositionen, die am Abend vorgestellt wurden, gehörte „Some Things Never Change“. Dabei drehte sich der Song nicht nur um einen Ton, das D, das Matthias Akeo Nowak beinah ununterbrochen zupfte, während Bernhard Schüler über diesen Ton seine Phrasierungen anstimmte, sondern auch darum, dass man trotz aller Bemühungen das Alte nicht loswird, selbst wenn man etwas Neues beginnt.

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Zum Abschluss des ersten Sets vor der Pause spielte das Trio jeweils Titel, die nahtlos ineinander übergingen, so „The Road Ahead“ – „Leave Me Here“. Stephan Emig stellte dabei seine Brillanz in einem Solo unter Beweis, das das Publikum mit Zwischenapplaus bedachte. Die Lektüre von Paul Coelhos „Der Alchimist“, so Bernhard Schüler, gab den Impuls für die Komposition „Sad Chilean“. Dabei gehe es um einen Alchimisten mit seinem Schüler, die auf Wanderschaft waren, und einer Horde Krieger in die Hände fielen. Besonderes Interesse verursachten ein Stein und ein Fläschchen mit Essenz, die der Alchimist bei sich trug. Was der Alchimist mit sich führte, gab er als Stein der Weisen und das Elixier des Lebens aus.

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Nach der Pause gab es zwei neue Stücke - „Out of Reach“ und „Hit By Life“ - zu hören, ehe das Publikum einem warmen Klangregen ausgesetzt wurde: „Winter Rain“ und „Summer Rain“ standen auf dem Programm. An diesem Geprassel nasser Tropfen beteiligten sich die Zuhörer, nachdem Stephan Emig sie zum Regenmachen animierte. Gemeinsames leichtes Klatschen auf die Oberschenkel und ein Schnipsen mit den Fingern sorgten für „kurze Regenschauer“. Auch der Bass beteiligte sich am Tropfenfall mit einem Plongplongplong. Schließlich vernahm man noch einen afrikanischen Regenguss, dank sei dem Spiel von Stephan Emig auf dem Lamellofon. Eher bluesige Einfärbungen besaß nachfolgend „Hidden Beauty“, ein Song, der auch seine funkigen Seiten nach außen kehrte. Hm, war da bei „Jasmine“ nicht auch Bossanova im Spiel, auch wenn niemand aus dem Publikum sich zum Tanzen aufgefordert sah? Mit „Seven 2 Eight“ endete der offizielle Teil des Konzerts. Angesichts des überschwänglichen Beifalls gab das Trio gleich zwei Zugaben, darunter zum Schluss auch ein Solo von Bernhard Schüler: „When Time Stands Still“. Anschließend hieß es dann: Good Night, liebe Jazzfreunde, und bis morgen bei Lily Dahab.

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Informationen

Emsdettener Jazztage

www.emskult-goes-jazz.de

Musiker

triosence
http://www.triosence.com/uber/
http://www.triosence.com/tour/
http://www.triosence.com/triosence-turning-points-video-doku-jetzt-online/

Diskografie
http://www.triosence.com/alben/

CD Besprechung
http://www.jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=157&Itemid=43

 

Besame mucho again – Lily Dahab on stage

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Am zweiten Abend standen Lily Dahab & Band auf der Bühne von Stroetmanns Fabrik. Der Zuspruch des Publikums entsprach dem des Eröffnungsabends. Die vorhandenen Sitzplätze reichten keineswegs aus, und so mussten zahlreiche Gäste mit einem Stehplatz vorliebnehmen. Wer sich im Vorwege mit Lily Dahab beschäftigt hatte, der las Pressekommentare und Kritiken, die sich in ihren Lobeshymnen zu überbieten versuchten: „Geheimtipp. Herausragend (stereo, 03/13)“ oder „Lange keine derart schöne Stimme gehört (Brigitte 03/13).“ Schließlich konnte man sogar in einem einschlägigen Jazzmagazin folgende Einschätzung lesen: „Eine Stimme, die bezirzt und betört, dass selbst die Sirenen voller Neid ihren Gesang eingestellt hätten (jazzthetik, 03/13).“

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Die Band, die in Emsdetten auftrat, war schon rein optisch eine Begleitband für Lily Dahab. Dahab stand im Fokus des Geschehens und nahm den vorderen Platz auf der Bühne ein. Etwas abseits hatten sich der Gitarrist Jo Gehlmann und der Pianist Bene Aperdannier eingefunden. Im Hintergrund agierten der Bassist Andreas Henze und der Schlagzeuger Daniel Gioia. Ein gleichberechtigtes musikalisches Miteinander konnte man beim Auftritt nicht feststellen, selbst dann nicht wenn hier und da der Bassist oder der Gitarrist kurze Solos anstimmen durften. Obendrein waren die Songs bis in den letzten Takt und die letzte Note notiert und die Klangfarbe abgezirkelt. Stets stand dabei Lily Dahab im Mittelpunkt und das im wahrsten Sinne des Wortes. Gelegentlich rückte sie ihren Hocker, auf dem sie zeitweilig Platz nahm, näher an den jeweiligen Solisten heran. Das waren jedoch lediglich kurze Momente. Die Abstimmung der einzelnen Instrumente schien ungleich zu sein. So wurde die Gesangstimme Dahabs durch die eingesetzte Technik derart betont, dass die Gitarrenläufe streckenweise nur zu erahnen waren. Was an diesem Abend auf der Bühne zelebriert wurde, war eine „One-Woman-Show“. Keine Frage, Lily Dahab ist attraktiv und ein Hingucker, aber … .

Wenn über Dahabs Musik zu lesen ist, sie gehe dabei eine Melange mit Jazz ein, scheint das völlig abwegig. Lily Dahab blieb bei ihrer Bühnenpräsentation stets im Muster südamerikanischer Standards und Folklore. Dass sie nun nicht das „Girl from Ipanema“ in ihr Programm aufgenommen hatte, schien dabei schierer Zufall zu sein. Ja dem Tango galt Dahabs Aufmerksamkeit ebenso wie dem Ohrwurm „Besame mucho“, der von ihr noch getragener vorgetragen wurde, als es eh schon im Original der Fall ist. Erfrischend war der musikalische „Potpouree“ nur hier und da, wie beim „Zamba de usted“. Man konnte allerdings weder ein brillantes Gitarrensolo noch ein furioses Schlagzeugfeuerwerk erleben.

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Wenn man sich denn schon des Tangos „Yo soy Maria“ vom Meister des Tango nuevo, Astor Piazzolla, annimmt, dann muss man mehr als nur solides Handwerk abliefern, sondern den Tango paraphrasieren und ihm ein neues aktuelles Gewand schneidern. Leider wurde eine solche Chance von Lily Dahab nicht genutzt. So ist denn auch der nachstehende Rundfunkkommentar unverständlich: „Da schwingt ganz Buenos Aires mit und zaubert beim Hören ein Lächeln ins Gesicht (MDR, 02/13).“ Wer frische Interpretationen von Tango nuevo hören möchte, der greife zu den Einspielungen von Dino Saluzzi zum Vergleich und bilde sich dann ein Urteil zu derartigen Einschätzungen.

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Bei der Musik von Lily Dahab fällt auch das Wort vom Latin Jazz. Dabei scheint dann völlig aus dem Blick zu geraten, was diese Charakterisierung eigentlich meint. Astrud Gilberto und auch der Komponist Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim haben nämlich diesbezüglich entscheidende Maßstäbe gesetzt. Gleiches gilt für den kongenialen brasilianischen Gitarristen Baden Powell oder so manche Verjazzung von Bossa Nova und Samba durch den Saxofonisten Stan Getz oder den belgischen Mundharmonika-Jazzer Toots Thielemans. An all diese „Titanen“ des Jazz reichte Lily Dahab mit ihrer Darbietung in keiner Weise heran. Sie bietet leicht zu konsumierende Latino-Popmusik mit einer kaum hörbaren Prise Jazz, ob nun Jobims „Aguas de Março", Peces de luz“ oder die Eigenkomposition „Huellas“ auf dem Programm standen.

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Für Liebhaber des Jazz welcher Prägung auch immer, ob Bebop, Cool oder Modern Jazz, Jazz Rock oder Minimal entsprach das aus der südamerikanischen Folklore gespeiste Repertoire von Lily Dahab keineswegs der Ankündigung, sie wäre mit ihrer Musik eine erfrischende Verbindung mit dem Jazz eingegangen. Auch die Beschreibung, es handele sich bei dieser Musik um Tango und Folklore, Poesie und Rock, wie im Programmflyer zu lesen, war für diesen Abend nicht zutreffend. Doch wer sich für „easy listening“ erwärmen konnte, der kam sicherlich auf seine Kosten.

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Informationen

Lily Dahab und Band
http://www.lilydahab.com/music/
https://www.youtube.com/watch?v=TNPAsrGiUwk
https://www.youtube.com/watch?v=Dmkt_p4Ep2g

 

Alice im Wunderland und Papa's Pancakes - die Konzerte von Torque Trio und Mo'Blow bei den 17. Emsdettener Jazztagen

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Nach Folklore, Tango und sonstigem Popallerlei am Vortage gab es mit Torque Trio wieder erstklassigen Jazz fernab von Jazzstandards zu hören. Vorgestellt wurden dem sachkundigen und interessierten Publikum überwiegend Kompositionen aus der CD Osmosis. Das deutsch-niederländische Trio mit dem Kölner Bassisten Mathias Polligkeit – Jazz'halo konnte mit ihm im Vorwege der Emsdettener Jazztage ein Interview führen – dem in Amsterdam lebenden Pianisten Koen Schalkwijk und dem nunmehr in Köln beheimateten, aber aus den Niederlanden stammenden Drummer Antoine Duijkers erzählten mit ihrer Musik unterhaltsame Geschichten, auch aus Alice im Wunderland. Anregung zu „Down The Rabbit Hole“ fand Mathias Polligkeit nämlich bei dem Schöpfer von Alice, bei Lewis Caroll.

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Geschichten mit Drehkraft

Gleich zu Beginn zeigte sich Koen Schalkwijk über den großen Zuspruch für das Konzert sehr überrascht. Augenscheinlich hatte das Trio bisher noch nie vor so vielen Zuhörern gespielt. Obgleich Deutsch nicht Koens Muttersprache ist, meisterte er seine Ansagen und Zwischentexte in Deutsch mit Bravour und erzählte auch die eine oder andere kleine Geschichte, die das Publikum erheiterte. So sei die Komposition „Drunk“ zustande gekommen, nachdem er, Koen, wirklich fürchterlich betrunken nach Hause gekommen war. Ihm sei dann nach einer kurzen Nacht mit einem Hangover die Komposition über diesen „Absturz“ halt aus der Feder geflossen. Im Gegensatz zu dem sehr zum Plaudern aufgelegten Bernhard Schüler von triosence ließ das Trio Drehkraft – so die Übersetzung von Torque – eher die Musik für sich sprechen, blieben also derartige Geschichtchen die Ausnahme.

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Auffällig war es, dass das Torque Trio sehr eng auf der Bühne Aufstellung genommen hatte und der Bassist nicht irgendwo auf der hinteren Bühne verschwand, was sehr häufig der Fall ist, wenn Bassisten in welcher Formation auch immer spielen. Gut zu beobachten war auch die stete Kommunikation durch Kopfbewegung und Blickkontakte zwischen den drei Musikern. Hier wurde stets auf den anderen Mitspieler reagiert, teilweise auch mit gewissen Überraschungsmomenten.
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Mathias Polligkeit bediente mit seinem Bass nicht nur die Unterfütterung des Spiels von Koen Schalkwijk, sondern ihm kam auch ein wesentlicher Anteil bei den vorgetragenen Themen zu. Das schloss auch zahlreiche Solos ein. Der Song „Stories To Be Told“ mit seinen starken Bassakzenten und rhythmischen Nuancen, die in Koen Schalkwijks Händen lagen, eröffnete das Konzert. Der Spielduktus von Koen war sehr energiegeladen-kräftig und wenig lyrisch, was aber zu den Themen sehr gut passte, die von Koen umspielt wurden. Derweil agierte Antoine Duijkers sehr behutsam, setzte oftmals Schneebesen und Schlägel statt der üblichen Sticks ein. Hin und wieder verschwand der Bass im Klangfluss, um dann wieder mit seinen Geschichten alleine in den Vordergrund zu rücken.

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Dass auch der Rand der verschiedenen Trommeln einen guten Klang hat, wenn man mit den Sticks auf ihn schlägt, konnte man bei „End of Days“ feststellen. Hier hatte Antoine zunächst das Sagen, ehe die melodischen Klavierpassagen an der Reihe waren. Beschwingt war das Spiel durchwegs. Bisweilen meinte, man gar einen Dampfzug rollen zu hören. Der Bass folgte dem von Koen Schalkwijk vorgegebenen Tempo und dem Thema, das man sich sehr gut als Musik zu einem avantgardistischen Roadmovie hätte vorstellen können. Man lauschte einem „sprunghaften“ Klavierspiel ebenso wie einem untergründigen Bass sowie einem kleinen Feuerwerk, das Antoine entzündete. „Der kleine Nasenbär“, geschrieben für einen Freund, der, so Koen, aussieht wie ein Nasenbär, war eine Komposition, die man auf der CD „Osmosis“ nicht finden kann. Die Melodie der Komposition hätte auch von einem Singer/Songwriter stammen können, so schmeichlerisch kam sie daher. Schloss man die Augen, so konnte man eine Brise Frühlingsduft verspüren. Auch Anleihen an klassische Musik konnte man vernehmen. Gut vorstellbar war ein herumtollender, stets neugierig mit der langen Nase agierender Nasenbär, ließ man das melodische Klangbild auf sich wirken.

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Hinein in den Kaninchenbau
Dass der Flügel nicht nur ein Tasteninstrument sein kann, sondern auch als Schlagwerk eine Rolle spielt, zeigte Koen im weiteren Verlauf des Konzerts, als er mit der flachen Hand die Saiten des Flügels direkt anschlug, teilweise aber auch abdämpfte, während er die entsprechenden Tasten anschlug. „Osmosis“ stand auf dem Programm, ehe dann Mathias Polligkeit mit „Down The Rabbit Hole“ an der Reihe war. Dabei spielte der Bass die tragende Rolle. Schräge Töne gab es bei „Presikhaaf“ zu hören. Dabei handelt es sich um einen der nicht sehr angesehenen Stadtteile von Arnheim, wo alle drei Musiker studiert und sich auch kennengelernt hatten. Zeitweilig bestand das Stück aus einem „Duett“ zwischen Flügel und Schlagzeug. Erst nach und nach ließ sich der Bass zu einem Dumdumdumdum hinreißen. Mit „Wehmut“ präsentierte das Trio eine weitere Komposition von Mathias Polligkeit. Obgleich die Combo bei „A New Day“ auf die Glasharfe leider verzichten musste, weil Antoine die Kristallgläser nicht mehr im vollbepackten Auto hatte unterbringen können, so Koen in seiner Ansage, tat dies der Präsentation jedoch keinen Abbruch. Nein, tanzbar war keiner der Titel, auch nicht „Implore“ mit seiner 7/4 Metrik, wie Koen hervorhob. In dieser wie auch in anderen Kompositionen zeigte sich, dass der Bass der Ruhepol des Trios war. Dem Trio schien der Abend soviel Spaß gemacht zu haben, dass sie noch länger hätten weiterspielen wollen, aber da scharrte bereits die Berliner Jazz-Rock-Funk-Formation „Mo'Blow“ mit den Hufen. Versprochen war, dass bei deren Auftritt bildlich die Hütte brennt – und das hat sie dann auch.

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Gimme The Boots mit Mo'Blow
Mit „Call Me Milroy“ ging es zwar nicht los, aber diesen Titel, entstanden nach einem Auftritt in Moskau mit viel Hochprozentigem, gab es während des Konzerts noch zu hören. Felix Falk, der Mann mit der eisernen Lunge, wie der Bassist Tobias Fleischer bei der Vorstellung meinte, trat als wahres Energiebündel in Erscheinung, das schließlich noch mit seinem Saxofon von der Bühne sprang. Im Gegensatz zu den allzu geglätteten Studioeinspielungen auf der CD „Gimme The Boots“ versprühte die Band live einen ungeheuren Spielwitz und Energie. Solos der einzelnen Musiker, Felix Falk an den Saxofonen und am Didgeridoo, Matti Klein am Fender Rhodes, Tobias Fleischer am Bass und André Seidel an der „Schießbude“, und Duette, bei denen sich der Bassist mal zu Matti Klein am Fender Rhodes oder zum Schlagzeuger André Seidel bewegte oder Felix Falk mit Alt- und Baritonsaxofon an deren Seite trat, lockerten das gemeinsame feurige Spiel auf. Dabei nutzte Felix Falk alle technischen Effekte, unter anderem Delays, sodass er bisweilen auch mit sich selbst im Duett spielen konnte.

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„Power“ gab es mit vollem Einsatz
„Dreiklänge“ zwischen Saxofon, Rhodes und Bass bzw. Drums gab es nicht nur bei „Fried Chocolate“, sondern auch bei „Power“ zu hören. Fette Bassfolgen und ein nicht nur tieftöniges Baritonsaxofon erfüllten mit ihrer Klangkraft den Lichthof von Stroetmanns Fabrik. Schnalzend, jubelnd, quiekend und kieksend meldete sich das Altsaxofon – stets war es Felix Falk, der seine Holzbläser mit vollem Körpereinsatz handhabte. Derweil entlockte Matti Klein seinem Rhodes ansprechende Melodiefolgen, die Felix dann paraphrasierte und dabei auch die höchsten Töne anspielte. Zwischendrin schwiegen die Saxofone und dann schlüpfte Felix Falk in die Rolle des Perkussionisten, der mit Triangel, Rasseln und „Klangstabvorhang“ agierte.

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Zweimal hätten sie, so Felix, mit ihrem Bus schon die Erde umrundet und dabei nur einen Punkt in Flensburg bekommen, was allein dem Fahrer zu verdanken sei, der sie auch schon mal nachts um vier Uhr von Bonn nach Berlin chauffiert habe. Ihm sei der Song „Papa's Pancakes“ gewidmet, als Geburtstagsständchen wohlgemerkt. Lauscht man mit geschlossenen Augen dieser Komposition des 4tetts, dann könnte man sich den Song auch als Untermalung einer Filmreise durch die Sahara nach Timbuktu vorstellen. Matti Klein und Felix Falk schienen sich beim „Zubereiten des Pfannkuchens“ gegenseitig zur Eile anzutreiben. Jedenfalls spielten sie wechselseitig schnelle Frequenzen an, die dem einen oder anderen im Saal in die Beine gingen. Trotz der drangvollen Enge schwang man sich zu einem flotten Schwof auf.

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Am Ende flogen keine Schuhe
Da der Fender Rhodes, das gute Stück stammt aus den 1970er Jahren, zwischenzeitlich mal nicht so wollte wie Matti, gab es Zeit für ein längeres Plaudern zwischen Felix Falk und dem Publikum. Aber diese Pause schien kürzer als gedacht und danach ging die Post ab. „Rocket Swing“, „Slingshot“ und Headbutt“ waren Titel, die man auch von der letzten CD des Berliner 4tetts kennt, aber live waren sie ein ganz anderes, sehr mitreißendes Hörerlebnis. Man hatte den Eindruck die Vier auf der Bühne konnten endlich alle musikalischen Register ziehen, sich auf längere Solos einlassen, ohne auf die begrenzte Studiozeit zu achten – und das war auch gut so Ansonsten hätte man auch das Bass-Solo von Tobias Fleischer nicht erleben können, der teilweise mit bluesigen Riffs den Zwischenapplaus des Publikums bekam.

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Dass Saxofone nicht nur wuchtige Tonträger sind, sondern auch leise daherkommen könne, unterstrich Felix Falk gelegentlich, so auch, als er einen „warmen Windzug“ auf seinem Saxofon erzeugte und mit Delays verstärkte.

Ohne „Gimme The Boots“ wäre der Abend nicht komplett gewesen. Also gab es auch diesen Song zu hören, bei dem das Publikum nach Ansage von Felix Falk zum Mitmachen aufgefordert wurde. Felix Falk schien selbst bei fortgeschrittener Zeit noch Energie genug zu haben, um wie ein „Derwisch“ über die Bühne zu hopsen, den Einsatz fürs Mitsingen zu geben und gleichzeitig seine Finger über die Klappen der Saxofone fliegen ließ. Um Mitternacht hörte man dann Im Lichthof von Stroetmanns Fabrik mehrkehlig „Gimme The Boots“. Doch die pinkfarbenen Schuhe von Tobias, Matti, André und Tobias flogen nicht ins Publikum. Derartige Showeinlagen waren ja auch nicht notwendig. Das Publikum tobte auch so und forderte Zugabe über Zugabe. Die gab es auch, aber irgendwann war dann weit nach Mitternacht auch Schluss mit funky, funky, funky. Die 17. Emsdettener Jazztage waren zu Ende und das Publikum ging hochzufrieden nach Hause.

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Informationen

Torque Trio
http://torquetrio.com/

Hörproben
http://torquetrio.com/music/

Interview mit Mathias Polligkeit
http://jazzhalo.be/index.php?option=com_content&view=article&id=272:im-gespraech-mit-dem-bassisten-mathias-polligkeit-von-torque-trio

Mo'Blow

www.moblow.de

 

 


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